Dringend Kinderärztin gesucht
Ärzte engagieren sich für Lösungen gegen den Ärztemangel
Stellen Sie sich vor, Sie konnten im Knonauer Amt ein Eigenheim erwerben und freuen sich, dass Ihre drei Kinder in einer ländlichen Umgebung aufwachsen können. Sie arbeiten die mit dem Umzug verbundenen Aufgaben Punkt für Punkt ab. Auf Ihrer Liste steht: «Hausarzt und Kinderarzt finden.» Sie greifen zum Telefon, wählen Nummer um Nummer. Die Antwort lautet immer wieder: «Tut uns leid, wir können derzeit keine neuen Patientinnen und Patienten aufnehmen.» Irgendwann reisst Ihnen der Geduldsfaden. Verärgert erklären Sie: «Sie haben die Pflicht, meine Kinder aufzunehmen – sie haben schliesslich ein Recht auf medizinische Versorgung.»
«Man glaubt kaum, was sich unsere Medizinischen Praxisassistentinnen am Telefon anhören müssen», erzählt die Obfelder Hausärztin Eveline Breidenstein. Ihr Kollege Erich Villiger ergänzt: «Wir verstehen die Sorgen der Eltern. Aber auch unsere Kapazitäten sind begrenzt. Unsere Wochenarbeitszeit liegt bei 50 Stunden oder mehr. Gleichzeitig beanspruchen regulatorische Vorgaben – verbindliche Gesetze, Richtlinien, Normen und Standards – sowie Berichte an Versicherungen, ärztliche Zeugnisse, Dokumentation und digitale Erfassung immer mehr Zeit. Mit diesem Pensum decken wir oft kaum mehr als die laufenden Praxiskosten.»
Alarmierende Zahlen: Es mangelt an Kinderärzten
«Der Kinderärztemangel in der Schweiz verschärft sich dramatisch: Jeder vierte Kinderarzt geht bis 2029 in Pension, während bereits heute mehrere Hundert Kinderärztinnen und Kinderärzte fehlen.» Die Situation betrifft jedoch nicht nur die Pädiatrie. 2023 war jede zweite berufstätige Ärztin beziehungsweise jeder zweite Arzt in der Schweiz 50 Jahre oder älter, jede vierte Person sogar über 60. Rund 40 Prozent der berufstätigen Ärzteschaft stammen heute aus dem Ausland.
Auch die Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte FMH bestätigt die Entwicklung: «Die Zahl der Praxen, die keine neuen Patientinnen und Patienten aufnehmen, nimmt zu. Lange Wartezeiten und Praxisschliessungen verschärfen die prekäre Situation.»
Beruf erfüllt – Rahmenbedingungen belasten
In Affoltern wird eine Kinderarztpraxis geschlossen – offenbar mangels Nachfolgelösung. Auch in der Gemeinschaftspraxis MedVita in Obfelden ist die Situation angespannt: Der Kinderarzt aus Rumänien hat gekündigt. Sandra Pfaff, Geschäftsführerin von MedVita, erklärt: «Wir suchen mit Unterstützung von Headhuntern intensiv nach Ersatz.»
Die Praxisgründer Eveline Breidenstein und Erich Villiger verfolgen mit ihrem interdisziplinären Team das Konzept eines «Ärztehauses für die ganze Familie». Vom Säugling bis zur hochbetagten Person soll eine umfassende ambulante Grundversorgung gewährleistet werden.
Weil qualifiziertes medizinisches Personal immer schwieriger zu finden ist, engagieren sich die beiden Ärzte bewusst auch in der Nachwuchsförderung und in berufspolitischen Fragen.
Laut Aussage des Bundesamtes für Gesundheit BAG sind fast acht von zehn Ärztinnen und Ärzten mit ihrer beruflichen Tätigkeit zufrieden oder sehr zufrieden. Mit ihrem Arbeitspensum und ihrer Work-Life-Balance hingegen weniger als die Hälfte.
Mit anderen Worten: Der Beruf erfüllt – die Rahmenbedingungen oft nicht. Zu viel Administration, einengende Vorschriften, zu wenig Zeit für Patientinnen und Patienten?
«Während sich vor zehn Jahren noch drei von zehn Ärztinnen und Ärzten in der Grundversorgung als stark gestresst bezeichneten, waren es 2025 bereits fünf von zehn», so das BAG.
Lösungsansätze der MedVita-Gemeinschaftspraxis in Obfelden
Mit ihrem Ärztehaus verfolgen Eveline Breidenstein und Erich Villiger bereits einen zukunftsweisenden Ansatz. Gemeinschaftspraxen bieten zahlreiche Vorteile: Sie bündeln Ressourcen, reduzieren wirtschaftliche Risiken und verbessern die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben.
Zudem ermöglichen sie fachlichen Austausch, erleichtern Stellvertretungen und senken Betriebskosten durch gemeinsam genutzte Infrastruktur und Personal. Auch die Patienten profitieren vom breiteren medizinischen Angebot unter einem Dach. Ärztinnen und Ärzte können Aufgaben gezielt delegieren – beispielsweise an erfahrene Medizinische Praxisassistentinnen. Auch Advanced Practice Nurses mit erweiterten Kompetenzen könnten künftig eine wichtige Rolle übernehmen – vorausgesetzt, Ausbildung und Entlöhnung stimmen.
Eveline Breidenstein und Erich Villiger engagieren sich zudem in der Ausbildung des Nachwuchses. Sie bieten Praktika für Medizinstudierende sowie Stellen für Assistenzärztinnen und Assistenzärzte an und übernehmen dabei Mentoratsfunktionen. Finanziell lohnt sich dieses Engagement kurzfristig kaum – langfristig jedoch ist es eine Investition in die medizinische Zukunft.
Ärztemangel betrifft das ganze System
«Kleine Spitäler verschwinden, und grosse Häuser nehmen nur begrenzt frisch gebackene Assistenzärztinnen und Assistenzärzte auf», sagt Erich Villiger. Ein weiteres Problem sehen beide Ärzte in der Ausbildung: «Im Medizinstudium nimmt die Pädiatrie, Kinderheilkunde, nach wie vor zu wenig Raum ein.» Deshalb übernehmen sie in ihrer Hausarztpraxis bewusst auch einfachere Fälle der Kinder- und Jugendmedizin. So können sich Kinderärztinnen auf komplexe Diagnostik, Entwicklungsstörungen und chronische Erkrankungen konzentrieren.
Klar ist jedoch: Die Schweiz muss mehr Ärztinnen und Ärzte ausbilden. Der Mangel betrifft längst nicht nur die Kinderheilkunde. Mit der demografischen Entwicklung steigen die Anforderungen zusätzlich. Immer mehr ältere und hochaltrige Menschen leiden an mehreren Erkrankungen gleichzeitig – die hausärztliche Versorgung wird dadurch anspruchsvoller und zeitintensiver.
Um die medizinische Grundversorgung langfristig sicherzustellen, braucht es ein Umdenken – bei der Ärzteschaft, im Bildungswesen, in der Politik und auch bei den Patientinnen und Patienten. «Das System ist bereits gekippt», sagen die beiden Obfelder Hausärzte. «Schon heute fehlen mehrere Tausend Hausärzte und Kinderärztinnen für die Grundversorgung. Absagen bei Neuaufnahmen und lange Wartezeiten sind derzeit kaum vermeidbar.» Wenn die medizinische Grundversorgung auch morgen noch funktionieren soll, braucht es heute entschlossene Investitionen in Menschen, Strukturen und Nachwuchs. Denn wenn Ärztinnen und Ärzte fehlen, geht es längst nicht mehr nur um Wartezeiten – sondern um die Gesundheitsversorgung einer ganzen Generation.
Mit der Serie Unternehmerinnen und Unternehmer stellt der «Anzeiger» in lockerer Folge Unternehmerpersönlichkeiten vor und würdigt damit deren Engagement für den Wirtschaftsstandort Knonauer Amt. (red)










