Eine sichere Basis in unsicheren Zeiten

Informationsabend zur Berufslehre im Kasinosaal Affoltern: «Berufsbildung mit Weitblick – Schule trifft Wirtschaft»

Das Organisationskomitee der Infoveranstaltung im Kasinosaal Affoltern. Dritter von rechts ist Fritz Rohner, Präsident des Lehrstellenforums Bezirk Affoltern.

Das Organisationskomitee der Infoveranstaltung im Kasinosaal Affoltern. Dritter von rechts ist Fritz Rohner, Präsident des Lehrstellenforums Bezirk Affoltern.

Volle Sitzreihen bei der Infoveranstaltung zur Berufslehre im Kasinosaal Affoltern. (Bilder Marcus Weiss)

Volle Sitzreihen bei der Infoveranstaltung zur Berufslehre im Kasinosaal Affoltern. (Bilder Marcus Weiss)

Marco Sennhauser.

Marco Sennhauser.

Thomas Frick.

Thomas Frick.

Thomas Naef.

Thomas Naef.

Marisa Ghirardi.

Marisa Ghirardi.

Marcel Suter.

Marcel Suter.

«Wir sprechen heute wieder über ein Thema, das alle bewegt, und das für uns alle wichtig ist, nämlich die berufliche Zukunft unserer jungen Generation.» Mit diesen Begrüssungsworten traf Fritz Rohner, Präsident des Lehrstellenforums Bezirk Affoltern, in diesem Jahr in besonderer Weise den Kern der Sache. Denn bei vielen der jungen Menschen und ihren Eltern, die am letzten Mittwochabend in den Kasinosaal Affoltern zum jährlichen Infoabend zur Berufslehre geströmt waren, standen wohl ein paar grosse Fragezeichen im Hinterkopf. Wie soll man sich richtig entscheiden am Beginn seines beruflichen Weges, wo just in diesem Moment die Weltwirtschaft in schwierigem Fahrwasser ist, täglich neue Schlagzeilen über die Umwälzungen in der Berufswelt durch künstliche Intelligenz uns erreichen und in ganz Europa die Jugend wegen mangelnder Zukunftsperspektiven auf die Strasse geht? «Es erstaunt immer wieder, was (hier bei uns) alles machbar ist, das Schweizer Berufsbildungssystem ist einzigartig in seiner Form, alle beneiden uns darum und wollen es nachmachen», schickte Rohner voraus. Es gebe nicht den einen richtigen Weg, der zum beruflichen Erfolg führe – vielmehr stünden zahlreiche Wege offen, und eine abgeschlossene Berufslehre könne der Anfang einer langen und erfolgreichen Entwicklung sein. Der Präsident des Lehrstellenforums wandte sich auch an die Eltern der Jugendlichen: «Begleiten Sie Ihre Kinder bei der Berufswahl, lassen Sie sie in die vielfältigen Möglichkeiten hineinsehen», regte er an und plädierte für Offenheit und gegen die falsche Vorstellung, dass nur der Weg über ein Studium zu einer guten beruflichen Stellung führen könne. «Seien Sie sich bewusst, eine Entscheidung für eine Berufslehre ist keine Entscheidung gegen Bildung und Entwicklung, sondern eine praxisnahe Form der Ausbildung mit zahlreichen Möglichkeiten», so Rohners Worte.

Spezialisierung kann den Unterschied machen

Weil konkrete Beispiele viel mehr aussagen als theoretische Abhandlungen, hatte man zum diesjährigen Informationsabend nicht weniger als fünf Persönlichkeiten in hochrangigen beruflichen Positionen eingeladen, die anhand der eigenen Biografie erklärten, wie sie auf Basis einer Berufslehre Schritt für Schritt bemerkenswerte Karrieren erzielen konnten. Den Anfang machte hier Marcel Suter, Unternehmer und Kantonsrat aus Thalwil. Bereits ab dem Alter von 23 Jahren war er am Mitaufbau einer Treuhandfirma beteiligt, die auf die Rückforderung von ausländischer Mehrwertsteuer für Unternehmen spezialisiert ist. Das hierzu notwendige Wissen hatte er sich bei einer kaufmännischen Lehre in der Treuhandbranche in Zürich sowie bei der Ausbildung zum Treuhänder-Fachausweis und einigen Weiterbildungen erworben. «In meiner Branche, der Treuhand, geht uns die Arbeit nicht aus. Man kann sich zudem innerhalb dieses Gebietes spezialisieren und so eine Nische besetzen», erklärte Suter, der im Zeitraum der letzten sechs Jahre zwei KMU-Unternehmungen gegründet hat und neben seiner gut neunjährigen Kantonsrats-Angehörigkeit seit 2023 auch Präsident der Wirtschaftskommission des Kantons Zürich ist. «Wenn man eine Berufslehre gemacht hat, dann hat man den besten Grundstein gelegt», so Marcel Suters Fazit. Marisa Ghirardi, Projektleiterin Berufsbildung beim Mittelschul- und Berufsbildungsamt des Kantons Zürich, legte den Fokus ihrer Ausführungen auf das Bildungssystem der Schweiz, das ihren Worten nach so vielfältig ist, dass man einen Monat lang darüber sprechen könnte. Eine Zeichnung mit zahlreichen Treppen und Podesten veranschaulichte die Grundzüge dieses Systems, das sich vor allem durch seine hohe Durchlässigkeit auszeichnet. «Es gibt praktisch keine Tür, die du nicht über das entsprechende Treppchen öffnen könntest», lautet die ermutigende Botschaft. Dies heisst in der Praxis beispielsweise, dass Fachhochschulen sowohl über eine Mittelschule als auch über den Weg einer Berufslehre erreichbar sind. Ihr heutiger Beruf sei ein Traumberuf für sie, aber vor vierzig Jahren, bei der Frage nach ihrem Berufswunsch, hätte die Antwort wohl anders gelautet, blickte Ghirardi zurück. «Nehmt euch die Zeit, die nötig ist, um den Einstieg zu finden», lautete nun ihr Rat an die Jugendlichen im Saal. Sie selbst habe vor ihrer endgültigen Entscheidung in ganz verschiedenen Berufen geschnuppert, um zu sehen, was sie da erwarten würde. Nicht alles, was auf den ersten Blick interessant gewirkt hatte, habe sich als für sie gangbarer Weg entpuppt: «Beim Schnuppern als Krankenschwester (damalige Bezeichnung, Anmerkung) zeigte sich nach drei Stunden, dass ich kein Blut sehen kann, das KV erschien mir nach zwei Schnuppertagen als zu langweilig, und vom Beruf der Metallbauzeichnerin, den mir mein Klassenlehrer empfohlen hatte, musste ich mich wegen meiner Abneigung zur Mathematik abwenden.»

Dass unser Bildungssystem mit der dualen Berufsausbildung international auf grosses Interesse stösst, konnte auch die Projektleiterin Berufsbildung bestätigen. «Wir haben quasi monatlich Delegationen aus dem Ausland bei uns, die etwas über das hiesige Bildungssystem erfahren wollen, jüngst beispielsweise aus Aserbaidschan», berichtete Marisa Ghirardi. Die Berufslehre sei hierzulande weit mehr als nur ein «Plan B», sondern ein Weg, der dank der Kombination aus schulischer Ausbildung und Praxiserfahrung (duales System) auf dem Arbeitsmarkt sehr gefragt sei. Er beinhalte keine Sackgassen und keine Einbahnstrassen, viele Wege führten zum (Zwischen)ziel, und Türen öffneten sich in beide Richtungen. Viele Top-Kaderleute hätten ihren Werdegang mit einer Lehre gestartet. Dennoch müsse man den für sich passenden Weg finden und dürfe nicht etwa der Versuchung erliegen, durch die «Herdentriebs-Tür» zu gehen (den Ausbildungs-Vorstellungen des eigenen Freundeskreises zu folgen) oder die «Fremde-Träume-Tür» zu durchschreiten (die Wünsche von anderen zu erfüllen). Bei letzterem Szenario bestehe das Risiko, nicht das eigene Leben zu leben, und selbst dann darin unglücklich zu sein, wenn man erfolgreich ist.

Entwaffnende Ehrlichkeit, die Mut macht

Ein weiterer Redner an der Veranstaltung war Thomas Naef, Generalagent der Mobiliar-Versicherung in Affoltern und Präsident des Arbeitgeberverbandes. Mit entwaffnender Ehrlichkeit schilderte Naef seine Primarschulzeit, in der er sich vor allem um sich selbst gekümmert habe und ein schlechter Schüler gewesen sei. Was folgte, sei eine unglaublich harte Zeit in einem Internat gewesen, die ihn aber entscheidend weitergebracht habe, sowie eine KV-Lehre in der Versicherungsbranche. «Mit 29 Jahren habe ich mir ein Haus gekauft, und ich musste meine Eltern nicht um Geld dafür bitten.» Naef blieb seiner Branche treu und war später unter anderem bei der Allianz-Versicherung Vorgesetzter von 600 Mitarbeitenden. «Wenn ich zurück auf mein Leben blicke, komme ich zu folgender Erkenntnis: Mit Fleiss und Ehrgeiz kannst du viele Lücken, die du hast, auffüllen, und du musst auch keinen geradlinigen Weg gehen, sondern kannst zum Beispiel nach einer kaufmännischen Lehre alles Mögliche machen.

Ehrliche Worte für sich selbst fanden auch Thomas Frick, diplomierter Architekt und Präsident des KMU- und Gewerbeverbandes Bezirk Affoltern, und Marco Sennhauser, Partner und CEO bei Intus Broker AG. «Ich war kein Streber, und der eine oder andere hätte gesagt, was wird aus diesem jungen Mann», resümierte Frick. Angefangen mit einer Maurerlehre, baute er dann aber sozusagen Stein auf Stein seine weitere Karriere auf. «Bei meinem späten Studium konnte ich entspannter sein, weil ich wusste, ich habe meinen Lehrabschluss und könnte schon morgen beginnen zu arbeiten», liess der erfolgreiche Architekt sein Publikum wissen. Marco Sennhauser, der seinerseits einst den Berufswunsch Architekt gehegt hatte, machte wegen seiner Nicht-Leidenschaft für Geometrie dann aber das KV und startete in der Versicherungsbranche durch. Wenn das alles kein Grund ist, voller Mut und Optimismus einen Lehrvertrag zu unterschreiben!

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