«Etwas Idealismus braucht es noch, aber die Idee stellt Weichen für die Zukunft»

In Affoltern wurde über das Projekt einer Lokalen Elektrizitätsgemeinschaft (LEG) informiert

Trotz warmem Wetter kamen zahlreiche Interessierte an die Infoveranstaltung im MZG-Saal an der Büelstrasse. (Bild mwe)
Trotz warmem Wetter kamen zahlreiche Interessierte an die Infoveranstaltung im MZG-Saal an der Büelstrasse. (Bild mwe)

«Heute können Sie sich aus erster Hand informieren, was es mit Lokalen Elektrizitätsgemeinschaften auf sich hat. Wir haben uns als Stadt entschieden, dass wir bei diesem Angebot unseres Stromlieferanten EKZ mitmachen wollen.» Mit diesen Worten begrüsste Stadtpräsidentin Eveline Fenner die Anwesenden am Montagabend im Saal des Mehrzweckgebäudes an der Büelstrasse. Alle, egal ob Mietende, Eigenheimbesitzende oder Firmen in der Stadt, verbinde die Tatsache, dass sie Strom bezögen, führte die höchste Repräsentantin Affolterns aus. Bereits heute agierten nicht wenige auch als Stromlieferanten, indem sie Strom aus eigenen Photovoltaikanlagen zur Verfügung stellten. «Ganz im Sinne unserer Strategie soll möglichst lokal produziert und konsumiert werden können», betonte Eveline Fenner. Dies sei auch der Grundgedanke von Lokalen Elektrizitätsgemeinschaften oder LEGs, wie sie abgekürzt heissen. Bei der Stadt Affoltern sei man überzeugt davon, dass Mitmachen eine gute Idee sei, wobei für sie persönlich folgende drei Punkte ausschlaggebend gewesen seien: Erstens könnten Solarstromproduzenten in Affoltern (Private oder Firmen) ihren überschüssigen Strom zuerst lokal anbieten, zweitens hätten Mietende ebenso die Möglichkeit zu profitieren wie Eigenheimbesitzende, und drittens sei es sehr unkompliziert für alle Beteiligten.

Solarstrom spielt eine zentrale Rolle bei der Energiewende

Remo Mucha, Projektmanager Gemeinsamstrom beim Energieunternehmen EKZ, legte anschliessend dar, wie das System LEG aufgebaut ist und wie es konkret funktioniert (in Mettmenstetten läuft bereits seit dem 1. Mai dieses Jahres ein solches Netzwerk, die Ämtler Gemeinde war damit neben Rickenbach ZH Vorreiterin im Kanton). «Unabhängig werden ist Teil der nationalen Energiestrategie 2050», schickte der EKZ-Vertreter voraus. Nachdem aktuell der eingeschlagene Weg zum Ausstieg aus der Atomenergie trotz jüngster Bestrebungen von Teilen der Politik, hier eine Kehrtwende herbeizuführen, weitergegangen werde, bilde die Wasserkraft die tragende Säule bei der Energieproduktion der Schweiz. «Das Energiepotenzial des Wassers ist in unserem Land jedoch schon sehr stark ausgenutzt, ein Ausbau ist nur noch punktuell möglich und dient vor allem dazu, den Status quo zu erhalten», gab der Branchenvertreter zu bedenken. Ein signifikanter Ausbau wäre gemäss seinen Worten bei der Windkraft möglich, aber mit dieser Form der Energiegewinnung würden wir Schweizerinnen und Schweizer uns bekanntlich schwertun. Weitaus problemloser umsetzbar sei hingegen die Stromproduktion via Photovoltaikanlagen in den Privathaushalten und Unternehmen. Wie diese Art der dezentralen Energieproduktion in der Praxis abläuft, wusste ein grosser Teil des im Saal anwesenden Publikums aus eigenem Erleben – ein kurzer Check via Handaufheben hatte nämlich zutage befördert, dass zahlreiche der hier Versammelten selbst eine Solaranlage besitzen.

Balance finden zwischen Produktion und Verbrauch ist herausfordernd

Remo Mucha erklärte das System der Einspeisevergütung und hielt fest, dass die eigentliche Herausforderung darin bestehe, eine Balance zu finden zwischen dem Strom, der aktuell produziert wird, und demjenigen, der verbraucht wird. «Auf das nächste Jahr hin wird es dann gleich nochmals marktbasierter, ab dann wird nämlich der Preis viertelstündlich neu festgelegt», lautete der Ausblick. Dies alles habe mit den angestrebten Dimensionen der Stromproduktion auf heimischen Dächern und Balkonen zu tun. «Wenn wir 50 Prozent unseres Stroms auf diese Weise erzeugen möchten, dann müssen wir es so regeln», machte der EKZ-Projektmanager klar. Die Leistung der Solaranlagen sei enorm und übersteige schnell einmal diejenige eines Atomkraftwerks. Nach dem vorübergehenden Ansteigen der Gaspreise infolge der Ukraine-Krise sei man nun wieder im normalen Modus, es müssten aber Wege zu einem sinnvollen Umgang mit dem Sommer-Solarstrom gefunden werden. Eine gute Möglichkeit sei es etwa, das eigene Elektroauto als Stromspeicher zu nutzen. «Wir fahren in der Schweiz pro Tag im Durchschnitt lediglich um die dreissig Kilometer, insofern hätten wir die Chance, die Ladevorgänge so zu steuern, dass wir die Sonnenstunden optimal nutzen könnten.» Gewisse Medienberichte suggerierten derzeit, dass sich Solaranlagen nicht mehr lohnen würden, dies sei aber nicht der Fall.

Neu wird öffentliches Netz für Verbrauchsgemeinschaften geöffnet

Der Projektmanager Gemeinsamstrom erklärte im Folgenden die Funktionsweise von Verbrauchsgemeinschaften, die es in der Schweiz seit 2018 gibt. Ursprünglich waren in diesem Bereich nur die sogenannten ZEV-Netzwerke (Zusammenschluss zum Eigenverbrauch) bekannt. Laut der gut verständlichen Beschreibung auf der Website des Energieversorgers AEW schliessen sich in einem ZEV Nachbarn vertraglich mit einem gemeinsamen Hausanschluss zusammen, um gemeinsam lokal erzeugten Strom zu nutzen. Dabei befinden sich alle Teilnehmenden hinter demselben Hausanschluss (typischerweise in einem Mehrfamilienhaus). Ein virtueller ZEV kann sich über mehrere Gebäude auf angrenzenden Parzellen erstrecken (z. B. Siedlung). Dabei wird der lokal produzierte Strom über private Leitungen zwischen den Gebäuden geteilt. Der Unterschied bei den durch den Gesetzgeber seit dem 1. Januar 2026 ermöglichten Lokalen Elektrizitätsgemeinschaften (LEG) ist nun, dass bei diesem System das öffentliche Netz für lokale Verbrauchsgemeinschaften genutzt werden kann. Dass dies alles kompliziert klingt, ist man sich auch bei den Stromproduzenten bewusst: «Wahrscheinlich habe ich nun 80 Prozent der Leute im Saal verloren, die sich jetzt fragen, was denn dies alles bedeutet», mutmasste Remo Mucha. In seiner Präsentation zeigte er danach eine Übersicht der Stromtarifarten.

Es geht auch um das Abgeben eines Statements

«Die ideellen Werte dahinter sind entscheidend, denn rein physikalisch gesehen ist es natürlich so, dass die Elektronen, die durch die Leitungen fliessen, keinen Unterschied machen, wie sie nun produziert worden sind», erklärte der Fachmann. Lokal produzierter Strom müsse günstiger sein, dies sei die Idee, die man als besonders förderungswürdig betrachte. In einem LEG-Netzwerk, das nun auch in Affoltern verfügbar ist, setzt man das Statement, vor Ort erzeugte Solarkraft aus der eigenen Gemeinde zu nutzen – Energie, die zu 100 Prozent erneuerbar ist. Wer nun Bedenken habe, sich damit zu sehr zu binden, der könne beruhigt sein: «Man bleibt nicht lebenslang gefangen in diesem System, innerhalb von zwei Monaten kann man wieder austreten», erfuhren die Anwesenden. Es handle sich beim LEG-Strom um ein Produkt, das spannend und sehr zukunftsträchtig sei, auch wenn man einräumen müsse, dass es im Moment noch keinen riesigen finanziellen Vorteil habe. «Der Stadtrat hat sich überzeugen lassen, ein grosses Industrieunternehmen vor Ort macht bereits mit, und es soll nun unser gemeinsames Ziel sein, hier in Affoltern das grösste LEG-Netzwerk im Kanton Zürich aufzubauen», meinte der EKZ-Vertreter mit einem fast schon verschwörerischen Blick in die Runde.

«Das Ausfüllen eines Online-formulars reicht»

Bei der abschliessenden Fragerunde wurden verschiedene Zweifel geäussert, zum Beispiel, ob man denn Nachbarn zum Mitmachen überzeugen könne, etwa in einer Stockwerkeigentümergemeinschaft, und ob das Ganze wirklich Sinn mache. Remo Mucha unterstrich noch einmal, dass die Idee seiner Ansicht nach sehr wohl zukunftsträchtig sei, auch wenn man im Moment noch ein bisschen Idealist sein müsse. «Wenn das System in Zukunft immer mehr auf den Markt ausgerichtet wird, kann es aber durchaus finanziell interessant werden», unterstrich er. Man könne auch als Mietender mitmachen, es brauche nicht das Einverständnis von irgendjemandem, und technische Installationen im Haus seien ebenfalls nicht erforderlich. Selbstverständlich könne man auch «nur» als Verbraucher des LEG-Stroms teilnehmen, Konsumenten seien sogar sehr gesucht. Zum Beitritt genüge das Ausfüllen eines Onlineformulars. «Es ist wirklich sehr einfach, mit zwei bis drei Klicks kann man an dieser Idee teilnehmen, ich habe es auch selbst ausprobiert und schaffte es locker, mich anzumelden», bestätigte Stadtpräsidentin Eveline Fenner. Auch sie hofft, dass Affoltern bald als grösstes LEG-Netzwerk des Kantons ein Ausrufezeichen für Nachhaltigkeit setzen wird.

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