Warum Unternehmensnachfolge die ganze Region betrifft

Den Staffelstab weitergeben – Unternehmensnachfolge im Säuliamt (1)

Nicole Reichlin (links) hat für die «Boutique Calimba» in Affoltern mit Maggie Krenz-Edwards eine neue Inhaberin gefunden. (Bild Brigitte Reemts Flum)
Nicole Reichlin (links) hat für die «Boutique Calimba» in Affoltern mit Maggie Krenz-Edwards eine neue Inhaberin gefunden. (Bild Brigitte Reemts Flum)

Wer übernimmt mein Unternehmen, wenn ich altersbedingt aufhören muss? Diese Frage beschäftigt zunächst jede Unternehmerin und jeden Unternehmer. Schliesslich stecken oft Jahrzehnte voller Herzblut, Arbeitskraft und persönlichem Engagement in einem Betrieb. Unternehmensnachfolge ist jedoch weit mehr als eine private Angelegenheit, sie ist auch von grosser volkswirtschaftlicher Bedeutung.

Die Nachfolgewelle rollt an

Ob Schreinerei, Garage, Malergeschäft, Treuhandbüro oder Sanitärbetrieb – kleine und mittlere Unternehmen (KMU) bilden das Rückgrat der Schweizer Wirtschaft. Über 95 Prozent aller Unternehmen zählen zu den KMU (1 bis 249 Mitarbeitende), rund zwei Drittel aller Erwerbstätigen arbeiten in ihnen. Auch im Säuliamt prägen KMU das wirtschaftliche Leben. Und so beschäftigt die Frage der Nachfolge Handwerksbetriebe, Bauernhöfe, Dienstleistungsunternehmen und Detailhändler.

Und die Frage wird dringlicher, weil die Generation «Boomer» jetzt im Pensionsalter ist und unter ihnen auch viele Unternehmerinnen und Unternehmer. Bereits seit 2020 verlassen jedes Jahr mehr Menschen den Arbeitsmarkt, als junge Erwerbstätige nachrücken. Gemäss einer aktuellen Analyse von «Dun & Bradstreet» stehen in den kommenden fünf Jahren rund 90000 Schweizer KMU vor einer Nachfolgeregelung. Betroffen sind damit auch über eine halbe Million Arbeitsplätze.

Was auf dem Spiel steht

Scheitert eine Nachfolge, verschwindet nicht nur ein Firmenname. Arbeitsplätze gehen verloren, Ausbildungsplätze fallen weg, Lieferanten verlieren Kunden, Gemeinden Steuerzahler und das Ortsbild wird ärmer. Mit jeder Geschäftsaufgabe gehen zudem gewachsenes Fachwissen, langjährige Erfahrung und wertvolle Netzwerke unwiederbringlich verloren. Die Bedeutung der KMU zeigt sich besonders in der Berufsbildung. Viele Betriebe bilden ihren Nachwuchs selbst aus und sichern so den Fachkräftenachwuchs der Region. Ein Unternehmen wie die Girardi Schreinerei AG in Hedingen hat in ihrem mittlerweile über 100-jährigen Bestehen an die 70 Lehrlinge ausgebildet. Etliche Mitbewerber im Säuliamt werden heute von ehemaligen Lehrlingen der Girardi Schreinerei geführt.

«Boutique Calimba» – seit 30 Jahren

Auch die Lebendigkeit der Gemeinden im Säuliamt hängt von gelungenen Nachfolgelösungen ab. Für die künftige Eigentümerin der «Boutique Calimba», Maggie Krenz-Edwards, war das die Motivation, nochmals als Unternehmerin tätig zu werden. Nachdem die aktuelle Besitzerin, Nicole Reichlin, nach einem Jahr Suche noch keine Nachfolgerin gefunden hatte, wäre der traditionsreiche Laden in bester Lage an der Oberen Bahnhofstrasse in Affoltern geschlossen worden. Das hörte Maggie Krenz-Edwards von ihrer Tante, die schon lange Stammkundin der Boutique ist. Maggie Krenz-Edwards fand das inakzeptabel: «Ich wollte nicht, dass der Laden auch noch geschlossen wird. Das ist eine Herzensangelegenheit, so ein Geschäft ist auch ein Begegnungsort, den wir Menschen brauchen!» Und dann ging es plötzlich ganz schnell: Maggie Krenz-Edwards startete ihre Anfrage im Mai und Mitte Juni war bereits der Kaufvertrag unterzeichnet.

Maggie Krenz-Edwards ist als Unternehmerin in der Region keine Unbekannte. Sie führte lange Jahre mit ihrem Mann Jörg Krenz die «Plasti-Pac» in Obfelden, die sie erst Ende 2024 an Peter Schmid, «Schmid AG – Entsorgung & Recycling» in Affoltern, verkauft haben. Eigentlich plante sie den Ruhestand: «Reisen, nichts tun, Leben geniessen.» Aber sie merkte schnell, dass ihr die Arbeit und die sozialen Kontakte fehlen. Und so freut sie sich jetzt «wie verrückt, noch etwas machen zu dürfen, was richtig Spass macht»!

Kleine Betriebe besonders unter Druck

Besonders kleinere Unternehmen, und das sind mit fast 90 Prozent die überwiegende Menge der KMU, tun sich mit der Nachfolge oft schwer. Häufig hängt der Betrieb stark von einer einzigen Person ab. Sie kennt die Kunden, führt die Mitarbeitenden, trifft die wichtigen Entscheidungen und verfügt über vertieftes Fachwissen. Entsprechend schwierig ist es, jemanden zu finden, der diese Rolle übernehmen kann. Hinzu kommt, dass viele Unternehmer das Thema aus Zeitmangel oder emotionalen Gründen lange vor sich herschieben.

Gelingt es trotzdem, wie eben in der «Boutique Calimba» in Affoltern, ist es Win-win für alle: «Juhui! Die Nachfolge der ‹Boutique Calimba› ist gesichert», schrieb Inhaberin Nicole Reichlin Mitte Juni in ihrem Kundenmailing. Sie selbst übernahm das Geschäft von ihrer Vorgängerin im April 2016 und war ebenso wie Maggie Krenz-Edwards branchenfremd: «Alle haben gesagt, das wird schwierig, aber das hat mich besonders gereizt!», erzählt sie. So investierte sie ihre Ersparnisse in die Boutique und erhielt wenig bis gar keine Unterstützung von der Vorbesitzerin. Zutritt zur Boutique erhielt sie erst, als die Ablösesumme geflossen war. Immerhin konnte sie eine Mitarbeiterin übernehmen, die die Kunden und Prozesse schon bestens kannte. Diese Zeit ist Nicole Reichlin in keiner guten Erinnerung, und sie möchte die Übergabe für Maggie Krenz-Edwards dann auch positiver gestalten. So ist ihre Nachfolgerin bereits jetzt an einigen Tagen im Laden, lernt die Kundschaft und die Prozesse kennen, auch den Einkauf werden die beiden Damen noch gemeinsam bewältigen. Eine gute Lösung für Nicole Reichlin, für Maggie Krenz-Edwards und für Affoltern.

Jetzt ist der richtige Zeitpunkt

Eine erfolgreiche Nachfolge entsteht selten von heute auf morgen. Sie braucht Zeit, sorgfältige Vorbereitung und oft zahlreiche Gespräche – innerhalb der Familie, mit Mitarbeitenden oder mit potenziellen Käufern. Fachleute empfehlen deshalb, sich bereits fünf bis zehn Jahre vor einer geplanten Übergabe mit der Nachfolge auseinanderzusetzen. Gerade im Säuliamt mit seinen zahlreichen inhabergeführten KMU wird die Unternehmensnachfolge in den kommenden Jahren zu einer der zentralen wirtschaftlichen Herausforderungen. Ob Betriebe erhalten bleiben oder verschwinden, entscheidet nicht nur über einzelne Unternehmen, sondern auch über Arbeitsplätze, Ausbildungsplätze und die Zukunft der ganzen Region.

Weitere Artikel zu «Gewerbe», die sie interessieren könnten

Philipp Ryser vor einem Wandpaneel, dessen Oberfläche ein Bild zeigt. Auf Wunsch können Paneele als Kunst- oder Designobjekte gestaltet werden.
Gewerbe03.08.2026

Wenn Schafe für Ruhe sorgen

«Asorys» steht für nachhaltige Raumakustik durch Schweizer Wolle
Einst war die Kunstschmiede Hedinger eine Ein-Mann-Werkstatt. Heute beschäftigt Daniel Hedinger acht Mitarbeitende in seinem Betrieb. (Bild Deviprasad Rao)
Gewerbe30.07.2026

Neues Feuer, altes Handwerk

Wie Daniel Hedinger Tradition und Innovation zusammenschmiedet
Käthi Mast auf der Terrasse des Restaurants. (Bild Brigitte Reemts Flum)
Gewerbe27.07.2026

15 Jahre Gastfreundschaft direkt am Bahnhof Hedingen

Käthi Mast führt das Restaurant Post mit viel Herz