Honig, Herzblut und 200 Völker: Leidenschaft im Grossformat

Wie eine zufällige Begegnung einen Stalliker in einen regionalen Grossimker verwandelte

Mit der Ernte kann begonnen werden, sobald die Bienen die Waben mit einer feinen Wachsschicht versiegeln.

Mit der Ernte kann begonnen werden, sobald die Bienen die Waben mit einer feinen Wachsschicht versiegeln.

Seit 14 Jahren als Imker tätig: Marco Pezzani. (Bilder Deviprasad Rao)

Seit 14 Jahren als Imker tätig: Marco Pezzani. (Bilder Deviprasad Rao)

Wer bitte schön taucht zu seinem allerersten Treffen mit einem erfahrenen Imker in kurzen Hosen und völlig ohne Schutzkleidung auf? Genau so machte Marco Pezzani vor 14 Jahren den ersten Schritt in eine Welt, die seine Freizeit komplett auf den Kopf stellen sollte. Der erfahrene Imker, den er damals traf – ein älterer Landwirt weit über 80 –, war von dem mutigen Auftritt sofort beeindruckt, und Marco war absolut fasziniert. Heute hat sich diese zufällige Begegnung zu einem regionalen Grossbetrieb entwickelt, der die üblichen Dimensionen einer Hobbyimkerei völlig sprengt.

«Der alte Mann hat damals etwas in mir gesehen, und ich war vom ersten Tag an Feuer und Flamme», erinnert sich Marco mit einem Lächeln. Es war im Jahr 2012, als ein befreundeter Landwirt aus Uitikon jemanden suchte, der die Bienenvölker seines betagten Vaters übernahm – dessen eigener Sohn konnte die Aufgabe wegen einer schweren Bienenallergie nicht mehr fortführen. Marco sprang ein. Zu Beginn übernahm er gerade einmal vier Völker, doch am Ende des ersten Jahres waren es bereits elf.

Aus diesem bescheidenen Anfang ist heute ein logistisches Meisterwerk entstanden. Marco bewirtschaftet 200 Bienenvölker an neun verschiedenen Standorten zwischen dem Säuliamt und dem Limmattal. Dazu gehören Plätze in Birmensdorf, Ringlikon, Uitikon Waldegg, an den Hängen des Üetlibergs, Stallikon Dorf und sogar eine kleine Gruppe direkt auf dem Garagendach seines Hauses.

Ein geschlossener Betriebskreislauf

Die Ernte beginnt, sobald die Bienen die Waben mit einer feinen Wachsschicht versiegeln – das biologische Signal für den perfekten Reifegrad des Honigs. Nach der Entnahme werden die Waben in den Schleuderraum transportiert, sorgfältig entdeckelt und in einer Zentrifugalschleuder extrahiert. Der flüssige Honig reinigt sich über ein Grob- und Mikrosieb selbst, während er in grosse Lagertanks fliesst. Nach einer zweitägigen Ruhephase, in der letzte Luftbläschen und feinste Unreinheiten abgeschöpft werden, verarbeitet Marco den Honig in seinem Keller in Stallikon. Mithilfe eines 300-Kilogramm-Rührwerks wird der Honig schonend homogenisiert, wodurch die Zuckerkristalle mechanisch zertrümmert werden und er seine edle, dauerhaft cremige Textur erhält.

Die diesjährige Frühlingsernte, die Ende Mai eingebracht wurde, profitierte von der milden und trockenen Witterung. Der Ertrag für den Sommer bleibt indes wetterabhängig. «Zu viel Regen verwässert den Nektar in den Blüten, während anhaltende Hitzewellen und Trockenheit die Honigtauproduktion der Pflanzen komplett versiegen lassen», erklärt Marco. «Ideal wäre ein gemässigter Sommer, kombiniert mit leichtem Regen in den Morgenstunden, damit alles optimal läuft.»

Vom Grosshandel zur eidgenössischen Weiterbildung

Im vergangenen Jahr 2025 belief sich Marcos gesamte Honigernte auf rund zwei Tonnen. Auf ein eigenes Privatlabel oder den Direktverkauf im Hofladen verzichtet er ganz bewusst. Stattdessen beliefert er als reiner Grosskunden-Produzent den regionalen Grosshandel, darunter Bäckereien, Hofläden, Drogerien und genossenschaftliche Verkaufsstellen der Region.

Parallel zum Wachstum seines Bienenbestands investierte Marco auch in seine fachliche Weiterbildung. Nach einem Grundkurs bei den Zürcher Bienenfreunden absolvierte er die viereinhalbjährige Ausbildung zum Imker mit eidgenössischem Fachausweis bei Bienenschweiz. Die Kurse führten ihn zu Ausbildungsmodulen nach Landquart, Liebefeld bei Bern und Zollikofen. Die theoretischen Module hat er abgeschlossen, die Diplomarbeit steht noch aus.

Im Alltag eines Imkers bleibt die Varroamilbe die grösste technische Herausforderung. Der Parasit überträgt tödliche Viren in den Stöcken und führt ohne Behandlung zu schweren Völkerverlusten im Winter. Marco behandelt seine Völker mehrfach im Jahr. Die entscheidende letzte Behandlung gegen die Milben im Winter erfolgt Anfang Dezember bei Temperaturen zwischen vier und sechs Grad Celsius. «Das richtige Timing erfordert ungeheure Geduld», hält Marco fest. «Man muss auf das perfekte, verlässliche Wetterfenster warten.»

Das Handwerk finanziert die Passion

Die wirtschaftliche Realität der Schweizer Imkerei betitelt Marco realistisch. Ein Profi kann in der Schweiz kaum vom reinen Honigverkauf leben; rechnet man jede investierte Arbeitsstunde ein, liegt der effektive Stundenlohn bei etwa drei bis vier Franken. Berufsimker erzielen ihr Einkommen meist zusätzlich durch Königinnenzucht, den Verkauf von Jungvölkern oder Nebenprodukten wie Pollen und Propolis. Marco macht nichts von alldem.

«Die Imkerei ist meine Passion – sie ist weit mehr als ein reines Hobby, aber sie ist nicht meine Existenzgrundlage», sagte Marco.

Seine finanzielle Basis sichert sein Betrieb für Liegenschaftsunterhalt und Gartenbau, den er seit 24 Jahren führt. Unterstützt von einem Team aus vier Mitarbeitern – darunter gelernten Landschaftsgärtnern und einer Teilzeit-Büroadministratorin – bedient die Firma Kunden in der Stadt Zürich, im Limmattal und in den umliegenden Gemeinden.

Marcos Hintergrund als gelernter Schreiner ermöglicht es ihm zudem, bauliche Reparaturen an den betreuten Liegenschaften direkt selbst auszuführen, was den Hausverwaltungen die Kosten für separate Handwerker spart. Diese Synergie zwischen den beiden Tätigkeiten sorgt für die nötige Quersubventionierung: Die Gartenbaufirma generiert den verlässlichen Cashflow, um das Material, die Zeit und die Logistik zu finanzieren, die 200 Bienenvölker fordern. «Der Honig deckt seine eigenen Betriebskosten und die Passion trägt sich selbst», reflektiert Marco. «Aber es ist der unglamouröse Alltag im Hauptberuf, der die Grossdimension der Imkerei überhaupt erst möglich macht.»

Mit der Serie Unternehmerinnen und Unternehmer stellt der Anzeiger in lockerer Folge Unternehmerpersönlichkeiten vor und würdigt damit deren Engagement für den Wirtschaftsstandort Knonauer Amt. (red)

200

Bienenvölker bewirtschaftet Marco an neun Standorten.

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