Lokales Netzwerk im urbanen Umfeld: Der Gewerbeverein Affoltern
Zwischen Tradition und städtischer Dynamik sucht der Gewerbeverein seine Rolle

Der Gewerbeverein Affoltern wurde 1889 gegründet. Damals war Affoltern noch eine kleine Gemeinde mit weniger als 3000 Einwohnerinnen und Einwohnern. In jener Phase erlebte das einstige Bauerndorf einen wirtschaftlichen Aufschwung: Neue Betriebe wie etwa die Seidenstoffweberei, eine Textil- und eine Nahrungsmittelfabrik entstanden. Seit 2018 hat Affoltern den Status einer Stadt und es leben über 12000 Menschen hier. Mit dieser Entwicklung haben sich auch die Rahmenbedingungen für das lokale Gewerbe grundlegend verändert.
Über die Jahrzehnte
Während die Gewerbevereine Ende des 19. Jahrhunderts noch Aufgaben wie die (Mit-)Verantwortung für Gewerbeschulen wahrnahmen, verlagerte sich die Bedeutung im Laufe der Jahrzehnte zunehmend auf Vernetzung, gegenseitige Unterstützung und Interessenvertretung zur Stärkung der Position des Gewerbes.
«Der Verein wurde gegründet, weil Unternehmer erkannten, dass wirtschaftliche Stärke nur gemeinsam möglich ist – besonders gegenüber Behörden und politischen Entscheidungsträgern», so René Ammann, der noch amtierender Präsident ist.
Heute zeigt sich jedoch, dass sich mit dem Wachstum der Stadt auch die politischen und gesellschaftlichen Strukturen verändert haben. Die direkte Verbindung zwischen Gewerbe und kommunaler Politik ist weniger ausgeprägt als früher, was René Amman durchaus bedauert: «Früher war immer mindestens ein Gewerbler im Stadtrat und auf jeder Generalversammlung des Gewerbevereins waren auch Vertreter der Gemeinde», erinnert er sich. Gleichzeitig hat sich der Verein zu dem entwickelt, was er heute bewusst sein möchte: ein Netzwerk für Austausch und Kooperation, ganz im Sinne seines Mottos: «Das innovative Gewerbe-Netzwerk in der Stadt Affoltern am Albis.»
Persönliche Wege in Engagement
René Ammann kennt den Verein aus langjähriger Perspektive. Er ist seit zwanzig Jahren Mitglied, seit neunzehn Jahren im Vorstand und seit dreizehn Jahren Präsident.
Beruflich ist er Inhaber der Theo Fischer Malergeschäft GmbH, die er 2005 im Rahmen einer Nachfolgeregelung übernahm. Sein Engagement begann für den «Zuzügler» pragmatisch: «Mich hat niemand gekannt. Also bin ich in den Gewerbeverein.» Für ihn wurde die Mitgliedschaft zum Ausgangspunkt für den Aufbau eines lokalen Netzwerkes in Affoltern.
An der kommenden Generalversammlung wird er sich aus dem Vorstand zurückziehen, die Nachfolge ist aber bereits geregelt. Mit Ashleigh Jeannot übernimmt eine Persönlichkeit das Präsidium, die auf den ersten Blick einen Kontrast darstellt. Unternehmerin mit südafrikanischen Wurzeln, Dienstleisterin und Inhaberin der Albis Language School. Gerade diese Vielfalt spiegelt jedoch die heutige Breite des Gewerbes in einem städtischen Umfeld wider.
Auch Jeannot übernahm ihr Unternehmen vor rund zehn Jahren im Rahmen einer Nachfolge, nachdem sie zuvor einige Jahre als Englischlehrerin dort tätig gewesen war. Die Mitgliedschaft im Gewerbeverein war Teil dieser Geschäftsübernahme. «Ich habe die Mitgliedschaft geerbt und sehr davon profitiert», sagt sie. Ohne diesen Impuls wäre sie vielleicht gar nicht auf die Idee gekommen, beizutreten. Sie empfindet den Austausch mit anderen Unternehmern als sehr bereichernd. Und auch praktisch hat ihr die Mitgliedschaft geholfen. Besonders wertvoll war für sie die Unterstützung während der Pandemie, etwa bei administrativen Fragen und Förderanträgen. «Während der Covidzeit habe ich mega Unterstützung erhalten!»
Für ihre kommende Amtszeit formuliert sie ein klares Ziel: «Ich hoffe, eine Brücke zwischen Vorstand und Mitgliedern zu sein. Ich bin hier integriert und möchte andere dabei unterstützen, sich auch zu integrieren, damit wir alle besser zusammenarbeiten.»
Kontinuität und neue Impulse
Neben Ashleigh Jeannot werden künftig auch Roland Schildknecht (BDO) und Franco Winkler (Intus Broker AG) im Vorstand mitwirken. Insgesamt ist der Verein hinsichtlich der Anzahl Mitglieder, des Altersdurchschnitts und des Frauenanteils ziemlich stabil.
Der Verein hat 115 Mitglieder, nur ungefähr zwanzig Prozent davon sind jünger als 50 Jahre und knapp zehn Prozent sind weiblich. Als vor ein paar Jahren der Gewerbeverein Hedingen aufgelöst wurde, traten 35 Personen über, davon sind heute nur noch fünf dabei. Strukturell spiegeln die Mitglieder die wirtschaftliche Entwicklung wider. Klassische Handwerksbetriebe sind heute weniger stark vertreten, während der Dienstleistungssektor mit Firmen im Detailhandel, im Immobilien-, Treuhand- und Informatikbereich zunimmt. Die geografische Lage zwischen den Wirtschaftszentren Zürich und Zug bringt Chancen und Herausforderungen gleichermassen. Viele Menschen wohnen zwar in Affoltern, arbeiten jedoch ausserhalb. Dadurch entstehen weniger automatisch Bindungen an lokale Strukturen – ein Phänomen, das auch andere gut angebundene Regionen kennen.
Gleichzeitig ist das Angebot an Veranstaltungen, Netzwerken und Unternehmerplattformen in und um Affoltern gross. Verschiedene Business-Gruppen und regionale Wirtschaftsvereinigungen bieten zahlreiche Möglichkeiten zum Austausch. Diese Vielfalt schafft einerseits Dynamik, andererseits verteilt sie die verfügbare Zeit und Aufmerksamkeit der Unternehmerinnen und Unternehmer auf viele Angebote.
Traditionen und Kooperationen
Der Gewerbeverein Affoltern setzt daher bewusst auf Formate mit persönlichem Mehrwert. Einige Veranstaltungen haben lange Tradition, etwa das Fondueessen. Ergänzt wird dies durch regelmässige Lunchs über Mittag in Mitgliedsbetrieben, sowie Veranstaltungen mit externen Referenten, oft auch in Zusammenarbeit mit der Standortförderung. Kooperation statt Konkurrenz lautet dabei die Devise.
So positioniert sich der Gewerbeverein Affoltern weiterhin als lokale Plattform mit persönlichem Charakter, mit langer Geschichte, aber offen für neue Impulse. Dazu braucht es allerdings auch die aktive Mitwirkung der Mitglieder, und so lautet der Appell von Jeannot: «Bringt euch ein – je aktiver die Mitglieder, desto stärker der Verein!»


