Stalliker Eisschnellläufer auf Überholspur
Aurel Chiper steht vor einem entscheidenden Schritt in seiner Sportlerkarriere
«Die Shorttrack-WorldTour, das ist die grösste Shorttrack-Bühne, die es auf der Welt gibt.» Eine mitreissende Begeisterung und Vorfreude sind an seinem Gesicht abzulesen, als Eisschnellläufer Aurel Chiper erklärt, was ihn in der neuen Saison erwartet. Wir sitzen am Esstisch im Haus seiner Eltern im Stalliker Weiler Gamlikon, und die Informationen darüber, um was es auf dieser Tour geht, sprudeln förmlich aus ihm heraus. Shorttrack, das ist laut Wikipedia eine neuere Variante des Eisschnelllaufs auf Kurzbahnen, die es unter anderem ermöglicht, den Sport auf Eishockeyflächen auszuüben.
Wie anders sich diese Disziplin gegenüber dem klassischen Eisschnelllauf anfühlt, beschreibt der 19-jährige Sportler, der seit zwei Jahren in Stallikon lebt, wie folgt: «Shorttrack ist eine weitaus taktischere Art, unseren Sport auszuüben, man kann mehr mit seinen Energiereserven spielen als beim Longtrack, wo vor allem die Ausdauer im Vordergrund steht.» Die Teilnahme an der Shorttrack-WorldTour werde für ihn aber nicht nur einen riesigen Schritt in seiner sportlichen Karriere bedeuten, sondern auch den Einstieg in ein Umfeld, das extrem international geprägt ist. «Natürlich ist es auch recht anstrengend, so viel zu reisen, aber man gewöhnt sich daran, und man lernt viele fremde Länder kennen, was unglaublich spannend ist», resümiert Aurel Chiper.
Hat er denn jeweils auch genug Zeit, um vor Ort tatsächlich etwas besichtigen zu können? «Es kommt immer auch ein wenig auf die Stimmung des Trainers an, ob wir etwas sehen von der Stadt», antwortet der Eisschnellläufer mit einem Schmunzeln. Die Chancen stünden aber in der Regel nicht schlecht, denn meist sei man ein paar Tage vorher am Wettkampfort, um sich akklimatisieren zu können. «Bei den Shorttrack-Juniorenweltmeisterschaften in Salt Lake City in diesem Januar sind wir sogar zwei Wochen vorher angekommen, da die Stadt sehr hoch gelegen ist», erinnert sich der Athlet. Schön sei auch, dass unter den Destinationen mitunter Orte seien, in die man sonst wahrscheinlich nie kommen würde: «Eine Shorttrack-Veranstaltung in diesem Jahr war in Kasachstan, das war wirklich etwas ganz Neues für mich. Die Herzlichkeit der Leute hat mich beeindruckt, trotz der Sprachbarriere ist es zu einem guten Austausch gekommen.»
Die beiden Varianten seines Sports sind sehr verschieden
Auch im Longtrack, der klassischen Kategorie in seinem Sport, steht für Aurel Chiper in der neuen Saison 2026/27 eine wichtige Premiere bevor, nämlich der Wechsel in die U23/Neo-Senioren-Kategorie. Für Aussenstehende mag es erstaunlich klingen, wenn ein 19-Jähriger in eine Sparte eingeteilt wird, in der bereits das Wort «Senior» in der Bezeichnung enthalten ist. «Die U23/Neo-Senioren-Kategorie ist die Zwischenkategorie im Longtrack von den Junioren zu den Senioren. Im Shorttrack gibt es keine Zwischenkategorie, dort geht man direkt von den Junioren zu den Senioren (an die WorldTour)», erklärt der Eisschnellläufer.
Wenn man vom frisch gebackenen Junioren-Schweizer-Meister Shorttrack hört, welch grosse Unterschiede es zwischen der klassischen Variante des Eisschnelllaufs und dem Shorttrack gibt, stellt sich die Frage, ob man dauerhaft in beiden Kategorien als Profisportler aktiv sein kann, oder ob sich irgendwann eine Entscheidung für eine Richtung aufdrängt. «In meinem Alter gibt es noch einige, die beides machen, aber einmal sollte man sich tatsächlich für eine Sache entscheiden und sich voll darauf fokussieren», führt Aurel Chiper aus. Dabei gelte es auch zu beachten, dass ein Zurückwechseln vom Longtrack zum technischer ausgerichteten Shorttrack viel schwieriger wäre als umgekehrt. «Wenn ich mal länger nicht auf dem Eis war, merke ich immer gleich, wie sehr man stets in Übung bleiben muss, um die Technik draufzuhaben», fügt er an. Der oft gehörte Spruch «Was man mal kann, das verlernt man nicht mehr» treffe seiner Erfahrung nach im Shorttrack nicht zu.
Familiäre Prägung und eine Verletzung als Vorgeschichte
Der heutige Kadersportler stand mit drei Jahren zum ersten Mal auf dem Eis, was mit Blick auf seinen familiären Hintergrund nicht verwunderlich ist: Aurels Vater Gheorghe Chiper ist Eiskunstlaufprofi und zweifacher Olympiateilnehmer, bei den Olympischen Winterspielen 2006 in Turin fungierte er bei der Eröffnungsfeier sogar als Flaggenträger Rumäniens. Seine Ehefrau, Aurels Mutter Sandra Chiper, hatte die Funktion der Trainerin ihres Ehemanns inne, und Aurels ältere Schwester Flora Chiper betrieb ebenfalls Eiskunstlauf auf Leistungsniveau, bevor sie sich ganz ihrem Studium widmete. «Meine Eltern unterstützen mich in meiner sportlichen Karriere, seit ich zurückdenken kann. In der Schule haben sie mich jeweils über Mittag in die Eishalle gebracht, damit ich dort trainieren konnte», erzählt Aurel Chiper. Dass er seinen Eltern in sportlicher Hinsicht nacheifern wollte, sei für ihn immer klar gewesen, und die Motivation sei stets von ihm selbst gekommen, betont der junge Athlet. «Wir sind uns bewusst, dass es ein Vor-, aber auch ein Nachteil sein kann, wenn die Eltern ihrerseits Spitzensportler sind, aber es ist sicherlich so, dass man in diesem Fall weiss, wovon man spricht», ergänzt sein Vater, der gerade aus seinem Arbeitszimmer kommt.
Auch Aurel hat seine Karriere als Eiskunstläufer begonnen. Im Alter von vierzehn Jahren zwang ihn eine Stressfraktur im Rücken zu einer Umorientierung, die ihn zum Eisschnelllauf geführt hat. «Ich war damals in Frankreich in den Ferien am Meer, als ich plötzlich extreme Schmerzen im Rücken bekam. Laufen, Sitzen, Aufstehen, all dies war plötzlich fast nicht mehr möglich», blickt der Athlet auf diese schlimme Zeit zurück. Die vielen Sprünge und Schläge auf den Rücken beim Eiskunstlauf hatten bei ihm einen harten Tribut gefordert. Auch wenn Aurel Chiper sich zurückkämpfte, es habe sich die Frage gestellt, ob es gesund wäre, weiterzumachen. «Ich kannte jemanden, der Eisschnelllauf betrieb, so konnte ich am Training für diese Disziplin teilnehmen, die ersten Monate war ich aber gar nicht Feuer und Flamme dafür», bekennt er. Erst als er länger dabei war, habe sich eine Leidenschaft entwickelt, die zu einer gewaltigen Motivationsquelle werden sollte. «Nach der Junioren-WM in Danzig war wohl der Moment, wo in mir ein Schalter umgelegt wurde, es hatte einen riesigen Effekt auf mich», beschreibt er es. Spätestens bei der Junioren-Weltmeisterschaft in Calgary 2025 habe er dann gefühlt, dass es vollends «um ihn geschehen» sei.
Sportlerkarriere und Ausbildung gehen bei Aurel Hand in Hand
Man stellt sich nun wohl automatisch die Frage, wie eine so intensive Sportkarriere mit der gerade in diesem Alter oft fordernden «übrigen» Ausbildung unter einen Hut zu bringen ist. «Ich absolviere eine sogenannte Sport-KV-Ausbildung, sie dauert vier Jahre, wovon ich die ersten zwei Jahre ausschliesslich die Schule (United School of Sports in Zürich) besucht habe», erklärt der Eisschnellläufer. Den betriebsinternen Teil bestreitet er aktuell bei der SIX Group, welche die Schweizer Börse betreibt, daneben verbleiben noch zwei Wochenlektionen an der Schule. «Alles rund um die Börse fasziniert mich sehr stark, und ich glaube, sie haben dort im Unternehmen ebenfalls Freude an mir», beschreibt Aurel Chiper die Situation. «Ich war zu Beginn quasi ein Experiment für den Betrieb, aber jetzt fiebern sie mit mir mit und sind sogar auch noch mein Sponsor, da habe ich grosses Glück.» Es bleibt spannend auf allen Ebenen für den jungen Stalliker.






