Von Pixeln zur Töpferei

Wie aus der Wettswilerin und UX-Designerin Anna Ronco eine kreative Unternehmerin wurde

Langfristig träumt Anna Ronco von einem eigenen Atelier in einem alten Gartenhaus – gross, lichtdurchflutet, voller Möglichkeiten. (Bild Deviprasad Rao)
Langfristig träumt Anna Ronco von einem eigenen Atelier in einem alten Gartenhaus – gross, lichtdurchflutet, voller Möglichkeiten. (Bild Deviprasad Rao)

Wenn Anna Ronco an der Töpferscheibe sitzt, steigt der Ton langsam unter ihren Fingern empor – und sie lässt ihm seine Spuren. Ein Fingerabdruck, eine kleine Rille, eine Wand, die nicht ganz gleichmässig ist: Für sie sind das keine Mängel, sondern eine Signatur. «Damit ein Objekt menschlich wirkt, braucht es Nuancen», sagt sie. «Unvollkommenheit. Fingerabdrücke.»

Mehr als ein handwerkliches Credo: Es ist der Kerngedanke hinter einem jungen Keramik-Unternehmen, das sie Stück für Stück aufbaut.

Der Wendepunkt

Anna Ronco, 40, wurde in einer Kleinstadt nahe Warschau geboren. Sie studierte Kunstgeschichte, war kurz an der Kunstakademie, danach Grafik, Illustration und UX-Design. Nach ihrem Umzug in die Schweiz vor elf Jahren arbeitete sie als UX-Designerin – zuerst bei Swisscom, später in einer Agentur.

Die Keramik kam fast zufällig. Vor fünf Jahren suchte sie online ein Keramik-Geschirrset – fand aber nichts, was ihrer Vorstellung entsprach. «Vielleicht sollte ich einfach einen Kurs in Zürich besuchen und es selber versuchen», dachte sie. Sie meldete sich im Studio Roka an – und war sofort gefesselt. Eine Töpferscheibe zog ein, dann ein Brennofen; aus dem Gästezimmer wurde ein Atelier. Vor drei Jahren begann sie zu verkaufen. Vor knapp zwei Jahren kündigte sie und investierte einen erheblichen Teil ihrer Ersparnisse in das Atelier. Heute lebt sie vollständig von der Keramik.

«Ich hatte bereits fast alle nötigen Fähigkeiten», sagt sie. Jahre in Markenführung, Kommunikation und User Experience hatten sie still vorbereitet.

Wo die Arbeit beginnt

Fragt man sie, warum sie macht, was sie macht, wird die Antwort leiser. Echtes Holz, Stein, natürliche Stoffe, verwitterte Dinge mit Patina, Pflanzen – diese Dinge ziehen sie an, weil sie Leben in sich tragen. Kubische Räume, Plastik, kaltes Licht prägen uns ihrer Überzeugung nach stärker als wir wahrnehmen. Ihre Keramik ist ihre Antwort darauf. Die einfachen Freuden – ein Morgenkaffee, eine Hand auf strukturiertem Ton – sind die Momente, in denen Objekte Bedeutung erlangen. «Ich stelle mir gerne vor, dass jemand, der meine Keramik mit nach Hause nimmt, ein Stück dieser natürlichen Geborgenheit und Wärme bekommt.»

Deshalb hat sie nie versucht, einen Stil zu definieren. «Ich musste mich nicht für einen Stil entscheiden – er ist von selbst entstanden, durch konsequente Praxis.»

Eine eigene Bildsprache

Was ihre Arbeit wiedererkennbar macht, ist nicht Technik, sondern Konsequenz. Erdige Farben. Skulpturale, matte Oberflächen. Der bewusste Entscheid, nicht alles zu glasieren, wenn eine Textur für sich selbst sprechen soll. Skulpturale Oberflächen bleiben meist unglasiert – die Glasur würde ihre Poren verschliessen. Matte und glänzende Glasuren kombiniert sie nicht: Sie gehören in unterschiedliche Welten. Ein Objekt müsse ausgewogen sein und nicht überladen: Ein Merkmal solle ins Rampenlicht treten – eine unglasierte Oberfläche oder eine besondere Glasurkombination – während der Rest still bleibt. Industriell hergestellte Keramik empfindet sie oft als «künstlich perfekt». Ihre Arbeit geht den umgekehrten Weg.

Sie bezeichnet sich bewusst als Keramikdesignerin. Ihr Geschäft ruht auf zwei Linien. Die erste ist funktionale Töpferware: Tassen, Schalen und Teller mit definierten Formen und standardisierten Grössen – geplant, vermessen und dokumentiert, damit Kundinnen und Kunden ihre Sets später erweitern können. Die zweite sind Statement-Stücke – skulpturale Unikate oder Kleinserien. «Statement Bowl Nummer fünf wird es immer nur einmal geben.» Die eine Linie sorgt für wiederkehrende Bestellungen, die andere stärkt ihre künstlerische Identität.

Das Kundenerlebnis gestalten

Ihr Atelier in einem Kollektiv in Bonstetten dient zugleich als Werkstatt, Schauraum und Unterrichtsraum. Sie bietet Töpferscheibenkurse und Workshops für bis zu acht Teilnehmende an – offen für alle – sowie Bemalungsabende mit vorgefertigten Stücken. Über ihren Online-Shop verkauft sie international, auf Instagram erzählt sie die Geschichte hinter jedem Objekt und inszeniert ihre Keramik auf Leinen und verwittertem Holz. «Die Leute kaufen die Geschichte hinter dem Produkt.» Persönliche Empfehlungen sind ihr wichtigster Marketingkanal.

Ein Drahtseilakt

Ein solches Unternehmen verlangt ständigen Einsatz: Ton, Glasuren, Brennstrom, Miete. Noch anspruchsvoller ist die Vielfalt der Rollen. Die Künstlerin braucht Stille; die Unternehmerin muss zugleich Fotografin, Kommunikatorin, Analystin und Verkäuferin sein. «Ich mag Menschen, und ich rede gerne über Kunst», sagt sie. «Aber ich tanke Energie in meinem stillen Flow, wenn ich allein arbeite. Und dann muss ich plötzlich in die Rolle der Verkäuferin schlüpfen. Das ist nicht immer einfach.»

Sie lebt in Wettswil mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen, vier und sieben Jahre alt. Ihr Atelier-Alltag wird ebenso von Produktionsterminen wie vom Familienleben geprägt.

Jahre der Wiederholung und Verfeinerung haben sie in Handwerk und Konsequenz geschult. Jetzt geht es darum, ihre eigene Sprache zu entwickeln. Sie denkt über grössere skulpturale Arbeiten und keramische Wandinstallationen nach, konzipiert als zusammenhängende Werkgruppen. Auch die Malerei ist in ihre Praxis zurückgekehrt. «Es ist ein anderes Medium, aber die Sprache ist dieselbe. Man erkennt, dass dieselbe Hand am Werk war.»

Weitere Artikel zu «Gewerbe», die sie interessieren könnten

Dario Piccini am Zuschneidetisch in seiner Werkstatt. (Bild Brigitte Reemts Flum)
Gewerbe20.08.2026

Was tun, wenn sich kein Nachfolger findet?

Den Staffelstab weitergeben – Unternehmensnachfolge im Säuliamt (5)
Die Co-Geschäftsführung der SHS Haustechnik AG - Peter Feuz (links) und Markus Steuble (rechts). (Bilder Brigitte Reemts Flum)
Gewerbe17.08.2026

Unternehmensnachfolge ausserhalb der Familie

Den Staffelstab weitergeben – Unternehmensnachfolge im Säuliamt (4)
Bereits erfahren hinsichtlich familiärer Nachfolgeprozesse: Luca (links) und Vater Daniel Launer. (Bilder Brigitte Reemts Flum)
Gewerbe13.08.2026

Familiennachfolge – der häufigste Weg

Den Staffelstab weitergeben – Unternehmensnachfolge im Säuliamt (3)