Weltspitze, unverzichtbar – und dennoch oft übersehen
Vortrag in Hedingen über die Bedeutung der Schweizer Tech-Industrie

«Und wieso erfährt man nicht mehr darüber?» Die am Dienstag in Hedingen aus dem Publikum heraus gestellte Frage, müsste den Schweizer Wirtschaftsvertretern zu denken geben. Sie wurde am Schluss eines kurzweiligen Vortrags von Jean-Philippe Kohl gestellt, Vizedirektor und Leiter Wirtschaftspolitik von Swissmem, dem führenden Verband der Schweizer Tech-, Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie.
Kohl hatte zuvor während einer Dreiviertelstunde im Hedinger Werkhofsaal auf Einladung der FDP Hedingen Fakten zur Schweizer Tech-Industrie erläutert. Fakten, die eigentlich zum Basiswissen von Politikerinnen und Politikern gehören sollten – aber es offensichtlich nicht sind. Oder nicht mehr sind. So stellte Matthias Doppler, Vorstandsmitglied der FDP-Ortspartei, in seiner Einführung fest, dass im Moment nicht gerade viel getan werde für den Erhalt der vielen Arbeitsplätze in der Tech-Industrie, «auch von der jetzigen Regierung in Bern nicht». Bürgerliche Politiker bildeten dabei keine Ausnahme, «auch die eigene ‹Klientel › nicht».
BIP-Anteil grösser als von Banken
Zunächst also ein paar Fakten, basierend auf Angaben von Swissmem. Die Schweizer Tech-Industrie zählt 325000 Arbeitsplätze. Umsatz: 85 Milliarden Franken. 78% der von den Tech-Firmen produzierten Güter gehen ins Ausland (davon 56% in die EU, 14% in die USA, 19% nach Asien inkl. 7% nach China). Der Anteil an allen Schweizer Exporten macht 24% aus, der Anteil am Schweizer BIP 7%; er ist damit höher als jener der Banken.
Konkrete Beispiele aus der Schweizer Tech-Firmenwelt: 95% aller weltweit produzierten Kugelschreiberspitzen werden auf Produktionsanlagen der Neuenburger Mikron hergestellt; 50% der Kartonverpackungen weltweit auf Maschinen der Waadtländer Bobst; 100% der Antriebskomponenten der Triebwerke des US-Kampfflugzeugs F/A-18 von der Glarner Sauter Bachmann.
Nicht in Coop oder Migros zu kaufen
Einer der Gründe, weshalb solche Erfolgsgeschichten nicht viel bekannter sind, hängt mit den Produkten dieser Firmen zusammen. «Man kann sie nicht im Coop oder der Migros kaufen», so Kohl. Es seien oft Maschinen, Investitionsgüter, mit denen Komponenten der Endprodukte hergestellt werden.
Trotz des starken Schweizer Frankens und der Abfolge von Unsicherheiten in den letzten Jahren – Corona, Ukrainekrieg, Energiekrise, Nahost-Konflikt (und jetzt noch der Irankrieg) – hat sich die Branche als äusserst robust erwiesen.
So hat sich die Zahl der Arbeitsplätze in den letzten 20 Jahren nur wenig verändert. Das lässt sich auch am Industrieanteil in der Schweiz ablesen (ohne Bau): Er liegt seit Mitte der 90er-Jahre konstant zwischen hohen 17 und 20%. In der Eurozone und Ländern wie Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien ist er im selben Zeitraum deutlich gesunken.
Wieder mehr Exporte in die EU
Die stark zyklisch geprägte Tech-Industrie konnte im letzten Jahr, trotz der erwähnten Schwierigkeiten, die Exporte sogar wieder leicht steigern, zumindest jene in die EU. Kohl: «Die Tech-Firmen sind sehr agil und reagieren rasch.»
Stark rückläufig waren dagegen die Exporte in die USA – vor allem die Folge der Zollpolitik von US-Präsident Trump, so Kohl. Lag der Zollsatz vor der zweiten Trump-Ära bei rund 5%, kletterte er im April 2025 auf 31% (Ankündigung, «Liberation Day»), um auf 10% zu sinken, auf 39% zu steigen («Zollhammer») und wieder auf 15 bzw. 10% zu sinken. Ein weiterer Wechsel ist im kommenden Juli zu befürchten. Gift für exportorientierte Betriebe.
Kohl legte in Hedingen allerdings Wert darauf, «nicht als ‹Trump-Basher›» zu wirken. Dessen am US-Handelsbilanz-Defizit aufgehängte protektionistische Zollpolitik sei zwar «Nonsens», aber es habe in der Vergangenheit deutlich schlimmere Entwicklungen gegeben, etwa das von Marx inspirierte Wirtschaftssystem. «Im Vergleich dazu ist das, was Trump macht, Nasenwasser.»
Für die Schweizer Tech-Firmen ist die US-Zollpolitik zwar ein Problem, gemäss einer Swissmem-Umfrage aus dem letzten Herbst aber nicht der grösste Belastungsfaktor. Als «erheblich», «stark» oder «sehr stark» belastend sieht die Schweizer Tech-Industrie in erster Linie den starken Schweizer Franken (73%), gefolgt von der generellen Nachfrageschwäche (68%) und dem Regulierungs- und Bürokratiedruck (57%). Erst danach folgen die erwähnten US-Zölle (57%), auf Platz fünf die Lohnnebenkosten (49%).
Optimistisch und kämpferisch
Und wie sieht die Zukunft aus? Die Schweizer Tech-Branche ist offensichtlich durchaus optimistisch bzw. kämpferisch gestimmt. Gemäss einer weiteren Swissmem-Umfrage vom Februar haben 88% der befragten Firmen in den letzten drei Jahren in der Schweiz investiert. Als Gründe für die inländischen Investitionen wurden genannt: die traditionelle Verbundenheit mit der Schweiz (88%), die Verfügbarkeit qualifizierter Arbeitskräfte (79%), die vorteilhafte Arbeitsmarktregulierung (75%), der gute Zugang zu Behörden (70%).
Damit das so bleibt, so Kohl, müsse man «das eigene Haus in Ordnung halten». Dazu zählen unter anderem die Unabhängigkeit der Nationalbank SNB, die Schuldenbremse des Bundes und das duale Berufsbildungssystem. Letzteres ist mit ein Grund, weshalb Schweizer Firmen als Ausweg aus der US-Zollkrise kaum zusätzliche Produktionskapazitäten in den USA aufgebaut haben. Grund: Man hätte dort wohl nicht die nötigen Fachkräfte für den Betrieb der Fabriken gefunden.
Kohl machte dazu einen bildhaften Vergleich: «Marco Odermatt fährt Stöckli-Ski. Mit diesen Skiern alleine wird aber niemand automatisch Seriensieger. Es braucht auch jemanden, der damit hervorragend fahren kann.»
Wohlstand als Normalfall
Zurück zur eingangs gestellten Frage: Wieso sind die Leistungen und die Bedeutung der Schweizer Tech-Branche nicht viel bekannter, nicht Teil des Allgemeinwissens? Die Kehrseite dieses seit langem anhaltenden Erfolgsmodells sei vielleicht, so Kohl, dass für viele der Wohlstand zum Normalfall geworden sei. Sie hielten ihn für gegeben, hätten nie eine wirkliche Krise erlebt.
Anders formuliert: Viele wissen nicht mehr, woher der Wohlstand kommt, wo er geschaffen wird.


