Wie das Einhorn zur Marke wurde

In Affoltern erinnert heute kaum noch etwas an die Einhorn-Teigwarenfabrik

Das Fabrikgebäude im Affoltemer Unterdorf galt als markanter Zweckbau und prägte das Ortsbild.

Das Fabrikgebäude im Affoltemer Unterdorf galt als markanter Zweckbau und prägte das Ortsbild.

Wo heute Wohnhäuser stehen, prägte einst eine Teigwarenfabrik das Ortsbild. (Bild Angela Bernetta)

Wo heute Wohnhäuser stehen, prägte einst eine Teigwarenfabrik das Ortsbild. (Bild Angela Bernetta)

Die Einhorn-Produkte wurden in der ganzen Schweiz sowie über die Landesgrenzen hinaus vertrieben. (Bilder Ortsmuseum Affoltern)

Die Einhorn-Produkte wurden in der ganzen Schweiz sowie über die Landesgrenzen hinaus vertrieben. (Bilder Ortsmuseum Affoltern)

Das Einhorn stand als Markenzeichen für Qualität und Reinheit.

Das Einhorn stand als Markenzeichen für Qualität und Reinheit.

Wer durch das Unterdorf von Affoltern spaziert, merkt kaum, dass hier einst der Duft von frisch gekochtem Weizenteig durch die Luft waberte. Wo heute Wohnhäuser und kleine Werkstätten stehen, prägte einst eine Teigwarenfabrik das Ortsbild. Die Einheimischen nannten sie schlicht «Chindermähli» oder «Teigi».

Aufbruch in einer Zeit des Wandels

Die Anfänge der späteren Nahrungsmittelfabrik Affoltern am Albis AG reichen in die 1880er-Jahre zurück. Albert Schneebeli und Johann Vollenweider gründeten damals an der Unteren Bahnhofstrasse eine kleine Fabrik, in der zunächst «Kindermehl» – ein sehr fein gemahlenes, leicht verdauliches Mehl – sowie Biskuits, Willisauer Ringli, Läckerli und Petit-Beurre hergestellt wurden. Bald kamen die ersten Makkaroni hinzu. Der breite Produktmix war kein Zufall, sondern typisch für eine Zeit, in der junge Lebensmittelbetriebe ihren Platz in einem rasch wachsenden Markt suchten. Ein beträchtlicher Teil der Ware wurde nach Frankreich exportiert. 1885 wurden die frühen Anfänge des Unternehmens in eine Aktiengesellschaft überführt. Der Betrieb wuchs – und suchte nach seiner Identität.

Auch Affoltern selbst befand sich im Umbruch. Die Eisenbahn erschloss neue Absatzmärkte, neue Arbeitskräfte kamen ins Dorf. Mit den italienischen Bahnarbeitern hielt auch die Pasta Einzug in die Schweizer Alltagsküche.

Das Einhorn als Versprechen

Um die Jahrhundertwende erhielt die Firma ihren Markennamen: «Einhorn». Das Fabelwesen sollte für Qualität, Reinheit und Selbstbewusstsein werben. Zeitgenössische Werbeplakate zeigten ein galoppierendes Einhorn, darunter der zweisprachige Schriftzug «Einhorn/Licorne» – ein Hinweis darauf, dass die Produkte längst über die Landesgrenzen hinaus verkauft wurden.

Bereits 1893 beschäftigte die Fabrik 28 Mitarbeitende, eine bemerkenswerte Zahl für ein Dorf im Säuliamt. Das Fabrikgebäude im Unterdorf war ein markanter Zweckbau: ein hoher Schornstein, dampfende Kessel, grosszügige Trockenräume. Wer auf dem Weg zum Bahnhof war, hörte das Zischen der hydraulischen Pressen, und an manchen Tagen roch man den Pastateig bis hinauf zur Kirche.

Industrialisierung, aber menschlich

Um 1917 investierte der Betrieb in eine umfassende Modernisierung. Eine neue Mühle entstand, und die Palette des Mahlguts wurde breiter denn je: Hafer- und Weizenmehl, Erbsen- und Grünerbsenmehl, Gelberbsen- und Grünkernmehl sowie Reis- und Gerstenmehl wurden verarbeitet. «Samson» hiess ein geröstetes Weizenmehl, das auch an das Schweizer Militär zur Herstellung von Mehlsuppen geliefert wurde.

Die Einhorn-Produkte – Spaghetti, Hörnli, Fertigsuppen und andere Klassiker – fanden ihren Weg in Haushalte weit über die Region hinaus. Selbst Knorr bezog zeitweise Paniermehl aus Affoltern, bevor der Konzern dieses selbst herstellte. Einen Direktverkauf an die Bevölkerung gab es allerdings nicht. Die Fabrik belieferte Lebensmittelgeschäfte, darunter auch kleine «Lädeli».

Im frühen 20. Jahrhundert entwickelte sich Affoltern zunehmend von einem landwirtschaftlich geprägten Dorf zu einem lokalen Produktionsstandort mit Mühlen, Seidenwebereien und kleineren Industriebetrieben – die Einhorn-Fabrik war ein Teil dieses Wandels. Besonders wichtig war die Fabrik als Arbeitgeberin. Viele Frauen fanden hier sichere Arbeitsplätze, vor allem in der Sortierung und Verpackung. Die Nahrungsmittelfabrik gehörte damit zu den sozialen Stützen des Ortes. Nach dem Zweiten Weltkrieg machte die «Teigi» sehr gute Geschäfte und galt als sozial und fortschrittlich: Unfallversicherung und Betriebskrankenkasse waren selbstverständlich.

Strukturwandel und Abschied

Doch der industrielle Fortschritt hatte auch Schattenseiten. Wie viele kleinere Nahrungsmittelbetriebe geriet auch die Nahrungsmittelfabrik Einhorn zunehmend unter Druck. Grosse Produzenten dominierten den Markt, die Anforderungen stiegen, die Margen schrumpften. 1957 arbeiteten noch 30 Personen im Betrieb. Die grossen Produzenten drückten mit tiefen Preisen immer stärker auf die kleinen Fabriken. Eine nach der anderen musste schliessen. Die letzte Besitzerin des Affoltemer Betriebs war die Firma Fahrender + Cie aus Langenthal, ein Käsehandel. Nach finanziellen Verlusten in ihrem Kerngeschäft führte sie die «Teigi» in Affoltern nicht mehr weiter. Ein klar dokumentierter Schliessungszeitpunkt der Nahrungsmittelfabrik fehlt. Die Gebäude erhielten neue Nutzungen – unter anderem durch die Firma Riposa, die Sacon AG und zuletzt die Bettwarenfabrik. 1982 wurden die Gebäude schliesslich abgerissen.

Was von der «Teigi» bleibt

Heute erinnern nur noch ein paar vergilbte Werbekarten und überlieferte Geschichten an die Einhorn-Fabrik. Alte Briefe berichten von Hallen voller Mehlstaub, vom Geruch nach Eiern und Getreide, von Lehrmädchen, die am Feierabend ein Päckli Spaghetti mitnahmen. Einer Anekdote zufolge soll ein kleines Gips-Einhorn als Vorlage für das Firmenlogo gedient haben.

Die Fabrik ist verschwunden, doch ihr Platz in der Ortsgeschichte bleibt. Die Einhorn-Fabrik steht exemplarisch für jene Schweizer Industriebetriebe, die nie zu Grosskonzernen wurden, aber über Jahrzehnte Arbeit, Identität und Alltag einer ganzen Region prägten.

Vielleicht liegt irgendwo auf einem Dachboden noch ein vergessenes Päckchen Einhorn-Hörnli – ein kleines Zeugnis einer Zeit, in der ein mythisches Tier aus Affoltern den Geschmack der Schweiz mitprägte.

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