Zwischen Tiertherapie und Unternehmertum
Carol Sommer-Seilers Mission, Tierhomöopathie in der Mitte der Gesellschaft zu verankern

Wenn sich die starre Haltung eines Pferdes plötzlich entspannt oder die Blutung eines verletzten Tieres innerhalb weniger Minuten nach der Behandlung zu stillen beginnt, sieht Carol Sommer-Seiler darin kein Wunder. Sie sieht ein greifbares Resultat. Mit 31 Jahren gehört die Stallikerin zu einem sehr exklusiven Kreis von vollständig ausgebildeten Tierhomöopathinnen und Tierhomöopathen, die in der Schweiz aktiv praktizieren – ein Berufsfeld, das noch immer oft missverstanden wird, gleichzeitig aber zunehmend gefragt ist.
Von ihrer damaligen Praxis in Hedingen aus hat Carol ein Unternehmen aufgebaut, das auf einer Philosophie beruht, die ihrer Meinung nach in der modernen Medizin häufig zu kurz kommt: Tiefe. «Ich bin schlecht darin, einfach zu akzeptieren, wenn jemand sagt: ‹Das ist halt so›», sagt sie. «Das inspiriert mich nicht, das langweilt mich.» Gerade diese Weigerung, sich mit oberflächlichen Antworten zufriedenzugeben, prägt sowohl ihren beruflichen Weg als auch ihre unternehmerische Haltung.
Ein familiäres Erbe der Selbstständigkeit
Carol ist in Bonstetten geboren und aufgewachsen. Unternehmertum gehörte in ihrer Familie zum Alltag. Ihr Vater, ihre Mutter und ihr Bruder sind selbstständig. «Mein Selbstvertrauen und meine Bereitschaft, Risiken einzugehen, habe ich von meinen Eltern mitbekommen», sagt Carol. «Sie haben mir vermittelt: Wenn man das tut, was einen erfüllt, kommt der Erfolg von selbst.»
Diese Haltung zeigte sich früh. Statt neben einer sicheren Anstellung langsam ein eigenes Geschäft aufzubauen, entschied sie sich direkt nach der Lehre vollständig für die Selbstständigkeit. Sie zog in eine einfache Bauernhofwohnung für 400 Franken im Monat und konzentrierte sich ganz auf den Aufbau ihrer Zukunft. «Ich wollte nie neben einem sicheren Job ein Geschäft aufbauen», sagt sie. «Für mich hiess es immer: ganz oder gar nicht.» Am Anfang gab es ruhige Tage in der Praxis, an denen sie auf Kundschaft wartete. Genau in dieser Zeit, sagt sie heute, sei die Unternehmerin in ihr gewachsen – indem sie lernte, sichtbar zu werden, Menschen zu erreichen und Schritt für Schritt Vertrauen aufzubauen.
Ursprünglich wollte Carol Tierärztin werden. Doch der Tod eines ihrer Esel in ihrer Jugend veränderte ihre Sichtweise grundlegend. Die Erfahrung hinterliess die Frage, ob es neben der Schulmedizin noch andere Wege geben könnte. «Ich fragte mich, ob man noch mehr hätte tun können», erinnert sie sich.
Diese Suche führte sie zur Alternativmedizin und schliesslich an die SHI in Zug, wo sie dreieinhalb Jahre Tierhomöopathie studierte. Parallel dazu absolvierte sie Praktika in Kliniken und Tierarztpraxen, um Theorie und Praxis zu verbinden. Obwohl sie sich auch mit anderen komplementären Methoden wie Shiatsu oder Craniosacral-Therapie beschäftigte, überzeugte sie die Homöopathie besonders wegen ihres Anspruchs, tieferliegende Erkrankungen wie Tumore, Autoimmunerkrankungen, Diabetes oder chronische Beschwerden behandeln zu können.
Jenseits der «Placebo»-Debatte
2017 eröffnete Carol ihre Praxis und spezialisierte sich auf Hunde, Katzen und Equiden. Zu ihren Patienten gehören Katzen mit Nierenerkrankungen oder Diabetes ebenso wie Pferde mit Hufrehe, Koliken, Husten oder Verhaltensauffälligkeiten.
Viele Tierhalter kommen erst dann zu ihr, wenn die konventionelle Tiermedizin an ihre Grenzen gestossen ist. «Viele Menschen kommen aus einer Verzweiflung heraus», sagt sie. «Sie haben das Gefühl, nichts mehr zu verlieren zu haben.» Der Skepsis gegenüber der Homöopathie begegnet Carol ruhig. Für sie liegt der Beweis im Tier selbst.
«Wenn das richtige Mittel gefunden ist, sieht man die Veränderung», erklärt sie. «Der Gesichtsausdruck verändert sich, die Spannung weicht aus dem Körper und die Heilung beginnt.»
Sie sage ihren Klientinnen und Klienten oft, dass man nicht lange nach einer Verbesserung suchen müsse. Wenn man zu stark überlegen müsse, sei wahrscheinlich noch nicht das richtige Mittel gefunden worden.
Ein Beruf im Wandel
Neben ihrer Praxistätigkeit engagiert sich Carol auch berufspolitisch. Als Vizepräsidentin der «Organisation der Arbeitswelt – Alternativmedizin und Komplementärtherapie Tiere» setzt sie sich für eine einheitliche Bewilligungspraxis für Tiertherapeuten im Bereich der alternativen und komplementären Therapien ein. Tierhalterinnen und Tierhalter sollten genau prüfen, ob eine Fachperson seriös ausgebildet ist, einem Berufsverband angehört und sich kontinuierlich weiterbildet.
Moderne Tiertherapie geht digital
Auch digital treibt Carol ihre Arbeit weiter voran. Kürzlich lancierte sie einen umfassenden Onlinekurs, in dem Tierhalter lernen, homöopathische Prinzipien bei Wunden und akuten Verletzungen anzuwenden. Der Kurs wird bereits in der Schweiz, Deutschland und Österreich genutzt.
Mit diesem Schritt in die digitale Bildungswelt reagiert Carol auch auf gesellschaftliche Veränderungen. Viele Menschen wünschen sich heute flexible und ortsunabhängige Möglichkeiten, sich weiterzubilden.
Mit der Mutterschaft kam eine weitere unternehmerische Dimension hinzu. Nach der Geburt ihres Kindes im Jahr 2021 stellte sie eine weitere Homöopathin ein, um mehr Zeit für Strategie, Wachstum und Unterricht zu gewinnen.
Für Carol gibt es keinen Widerspruch zwischen therapeutischer Arbeit und wirtschaftlichem Erfolg. Für die Zukunft möchte sie ihre Kurse weiter ausbauen, die professionelle Anerkennung der Tierhomöopathie stärken und besonders junge Menschen für den Beruf begeistern. Gleichzeitig hofft sie, dass ihre eigene Geschichte Frauen ermutigt, ihrer Intuition zu vertrauen, Risiken einzugehen und aus innerer Überzeugung heraus etwas Eigenes aufzubauen.
Mit der Serie Unternehmerinnen und Unternehmer stellt der «Anzeiger» in lockerer Folge Unternehmerpersönlichkeiten vor und würdigt damit deren Engagement für den Wirtschaftsstandort Knonauer Amt. (red)


