«Das Unterwegssein prägt mein Leben bis heute»

Roland Erichsen ist im Rollstuhl und möchte wieder Uber fahren

Alphornklänge oberhalb von Aeugst. Roland Erichsen und sein treuer Hund Bobo. (Bild Marianne Voss)
Alphornklänge oberhalb von Aeugst. Roland Erichsen und sein treuer Hund Bobo. (Bild Marianne Voss)

Zu seinem Haus in Aeugst führen mehrere Treppen. Sie sind mit Treppenliften ausgerüstet. Oben, bei der Haustür, begrüssen Roland Erichsen, Hund Bobo und Katze Novelina die Besucherin. «Ich habe ein verrücktes Leben», erklärt Roland Erichsen bei einem Kaffee. Er sitzt am Tischende – im Rollstuhl. Nichts deutete im Voraus auf dieses Schicksal hin. Keine langjährige Krankheit, kein Unfall. Es passierten vor fünf Jahren verschiedene medizinische Ereignisse, unter anderem Hirnblutungen, die aber zunächst unter Kontrolle waren. «Doch dann geschah es auf einem Winterspaziergang mit Bobo. Ich hatte unglaubliche Krämpfe und brach zusammen.» Bobo rannte heim und holte seine Partnerin. Ab diesem Moment war Roland Erichsen von der Hüfte an abwärts gelähmt.

«Ich kam ins Paraplegiker-Zentrum Nottwil. Die ersten Monate weinte ich nur. Ich realisierte, was ich alles nicht mehr tun kann.» Jetzt kommt er aber ins Schwärmen: «Was die dort im Zentrum für mich getan haben, sowohl medizinisch wie auch psychologisch, das ist der Hammer! Ich bin dermassen dankbar.» Durch die Unterstützung in Nottwil fand er ins Leben zurück, in ein anderes Leben. «Aber kein schlechtes Leben. Ich kann annehmen, wie es ist, und bin wieder glücklich.» Er strahlt. Die Paraplegiker-Stiftung, bei der er schon seit Jahren Mitglied war, finanzierte auch die Treppenlifte und den Umbau des Badezimmers. «Das war sehr wichtig, damit ich hierbleiben konnte und meine Lebensqualität zurückerhielt.» Er betont auch die liebevolle, geduldige Unterstützung vonseiten seiner Partnerin. Zudem ist für ihn wichtig, dass er sein langjähriges Hobby, das Alphornblasen, weiterhin praktizieren kann. Heute trifft man ihn manchmal oberhalb von Aeugst an, von wo er die warmen Töne seines Alphorns erklingen lässt.

Mit dem Töffli über die Pässe

Aufgewachsen ist Roland Erichsen in Horgen. Seine Mutter war Deutsche, der Vater Norweger. Der Vater verschwand aus seinem Leben, als er noch ganz klein war. Viele Jahre später recherchierte er und konnte den Vater wieder ausfindig machen. Seine Mutter heiratete einen Schweizer, der ihm ein guter Stiefvater war. Er erinnert sich an eine schöne Kindheit als Familie, zu der auch eine Schwester und ein Stiefbruder gehörten.

Nach der Schule wurde er Koch. Warum? «Ich wollte etwas von der Welt sehen, und das ist als Koch gut möglich. Das Unterwegssein prägt mein Leben bis heute.» Das habe als Töfflibub begonnen, als er an den Wochenenden über alle Pässe gefahren sei. «Das Töffli, das war meine Freiheit.»

Nach der Lehre verliebte er sich in eine Amerikanerin. Er reiste zu ihr nach Texas, kochte dort an einem Event an der Universität und wurde berühmt. Er arbeitete in einem bekannten Hotel und verlobte sich. Wegen des Militärdienstes musste er in die Schweiz reisen – und erhielt eines Tages Post aus Amerika. «Meine Geliebte war bei rassistischen Konflikten umgebracht worden. Für mich brach eine Welt zusammen.»

Er musste wieder unter die Leute

Danach war Roland Erichsen rund um die Erde als Koch unterwegs, in Japan, Australien, Südamerika, England und in Stockholm. «Dort lernte ich den Chef der Firma Rahmqvist kennen, der mich in die Schweiz holte, um dort eine Filiale zu gründen und zu führen.» Es ging dabei um den Verkauf von Büroausstattungen. Er habe gezweifelt, ob er das als Koch kann. «Doch dieser Mann sah Fähigkeiten in mir, die ich selber nicht kannte.» Zu dieser Zeit wohnte Roland Erichsen in Hausen. Später zog er nach Aeugst, gründete dort seine eigene Firma und war 19 Jahre verheiratet. «Meine Firma war spezialisiert auf kosmetische Produkte und entspannende Hintergrundmusik.» Mit 60 Jahren konnte er sie – früher als geplant – in gute Hände weitergeben.

Er pensionierte sich also frühzeitig. «Aber das Nichtstun funktionierte nicht. Nach einem Jahr wollte ich wieder raus und aktiv sein. Ich musste wieder unter die Leute.» Er entdeckte das Transportunternehmen Uber, absolvierte die Taxiprüfung und fand zu einer weiteren Lebensberufung. «Sie sprechen soeben mit dem weltweit besten Uber-Fahrer», erklärt er humorvoll. Es ist so. Er erhielt weltweit die meisten Fünfsterne-Bewertungen nach seinen Fahrten. Er schrieb ein kleines Buch, in dem er seine spannenden und bewegenden Begegnungen mit lokaler und internationaler Kundschaft festhält. Volvo erfuhr das und sponserte für ihn einen Volvo V90. «Das war 2018, es gab einen ziemlichen Medienrummel.»

Der Uber-Überlebenskünstler

Fünf Jahre konnte Roland Erichsen als Uber-Fahrer unterwegs sein, bis zu seiner Lähmung. Doch er gibt nicht auf und möchte zurück. «Ich darf wieder Auto fahren, natürlich mit einem speziell umgebauten Fahrzeug. Und ich habe soeben auch wieder die Taxiprüfung bestanden.» Seine Vision, die in greifbarer Nähe zur Realität wird: «Ich werde der erste Uber-Fahrer im Rollstuhl sein.» Auf der humanitären Spendenplattform tfy.help/uber sei er als «Uber»-Lebenskünstler aufgeführt. Es seien schon einige Spenden zusammengekommen. «Ich brauche ein grosses Auto und eine Vorrichtung, um meinen Rollstuhl einzuladen. Das ist sehr teuer.» Doch, Spenden hin oder her. Er ist überzeugt, dass er seine Vision verwirklichen wird. «Darauf freue ich mich. Dann kann ich endlich wieder Menschen sicher und mit Freude an ihr Ziel bringen.» Der Auslöser für diesen neuen Schritt sei er selber, erklärt er. «Ich könnte auch traurig im Rollstuhl sitzen und mir leid tun.» Das würde weder ihm noch der Menschheit etwas nützen. «Dass es mir wieder gut geht, dafür bin ich selber verantwortlich.»

In der Serie «Menschen im Säuliamt» berichtet Marianne Voss in loser Folge aus dem Leben von Menschen – ob jung oder alt, ob berühmt oder unbekannt -, die im Säuliamt wohnen oder hier ihren Arbeitsplatz haben.

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