Die ruhige Zeit im Amt

Gedanken zur Winterzeit von «Surprise»-Verkäufer Urs Habegger

Der Autor: Urs Habegger. (Bild zvg)

Der Autor: Urs Habegger. (Bild zvg)

Urs Habegger schätzt die wohltuende Ruhe der Winterzeit. (Bild Claudia Eugster)

Urs Habegger schätzt die wohltuende Ruhe der Winterzeit. (Bild Claudia Eugster)

Die Tage kurz, die Nächte lang, die Sonne macht sich rar. Dass nicht wenige die kalte Jahreszeit mehr schätzen als den Sommer, das weiss ich seit jeher. Doch erst diesen Winter hat man mich darüber aufgeklärt: Das sei, weil es im Winter ruhiger wird. Mir selber ist das noch nie aufgefallen. Aber zuweilen ist ein Denkanstoss von aussen notwendig. Denn wenn ich mir das genauer überlege, dann ist da viel Wahres dran:

Der Rasenmäher ruht in der Garage oder im Schuppen, es wächst kein Gras. Daneben verstaubt der Grill, denn Gartenparty ist keine. Auch auf den Feldern ist es ruhig; Traktor, Pflug und Mähdrescher stehen in der Scheune. Auf dem Fussballplatz ertönt kein Pausenpfiff. Kräht der Hahn auch im Winter? Keine grossen Töffs heulen auf der Strasse um die Wette, hört nur, wie das tönt. Keine laut scheppernde Bumm-Bumm-Musik aus offenem Cabrio. Selbst am Bahnhof ist es ruhiger; die Schar, die sonst die Tage daselbst klatschend, tratschend, Bier trinkend, auch grölend, nutzlos vergeudet, ist nun doch auch lieber in der warmen Stube. Auch um die Häuser ist es ruhig, denn selbst Kindern vergeht die Lust am Spiel im Freien, es sei denn, es läge Schnee. Der würde unter Schuhen knirschen. Selbst der Schulhof mit Sport- und Spielmöglichkeiten bleibt an schulfreien Nachmittagen verwaist. Die Katzen meiner Schwester lassen das Mausen sein und machen es sich viel lieber zu Hause gemütlich. Nur gelegentlich klappert ein Biker mit seinem Gefährt auf einsamem Waldweg. Selbst in der Badi, wo im Sommer Badetuch an Badetuch liegt und Schulter an Schulter geschwommen, geplanscht und gekreischt wird, regt sich nichts. Keine Elstern streiten sich im Baumwipfel. Die Bäume kahl, unisono. Aber die veranstalten ohnehin auch mit üppigem Blätterkleid keinen grossen Lärm, nur ein neckisches Rauschen, wenn der Wind daran zerrt. Die Bank im kleinen Park bleibt leer. Kein Lärm aus der nahen Gartenwirtschaft raubt uns nachts den Schlaf. Nicht nur Bär und Co. halten geruhsamen Winterschlaf. Keine «Brämen» fliegen über den Gotthard. Weder Mücken noch Wespen ärgern uns friedliche Bewohner vom Säuliamt. Die Fliegenklatsche hängt im Schrank. Scheints alle und alles reduziert im Winter Antrieb und Lust auf Sparflamme, so schier ohne Sonne. Vitamin-D-Tabletten sollen helfen. Der Marroni-Verkäufer waltet seiner Arbeit in leutseliger Würde. Dichter Nebel tut das Seinige. Gäbe es doch etwas zu hören; er verschluckt jeden Ton in seinem hungrigen Rachen. Ja, die kalte Jahreszeit ist wirklich die ruhige Jahreszeit. Ausser man begäbe sich, wenn auch nur aus Versehen, in den Rummel in einem winterlich-verschneiten Skigebiet.

Urs Habegger (69), wohnhaft in Affoltern, musste nach einer missglückten Augenoperation seine Arbeitsstelle aufgeben. Eine IV-Rente zu beziehen, kam für ihn nicht infrage. Freiheit und Unabhängigkeit, niemandem Rechenschaft schuldig sein, das war und ist ihm sehr wichtig. Mittlerweile verkauft er seit 15 Jahren das Strassenmagazin «Surprise» in der Bahnhofunterführung Rapperswil. Man nennt ihn auch den «‹Surprise›-Verkäufer von Rapperswil».

Seit Herbst 2019 schreibt er Kurzgeschichten über seine Erlebnisse, Erfahrungen, Gedanken rund um den Strassenverkauf von «Surprise». Im März 2020 hat er im Eigenverlag ein Büchlein Band eins mit seinen Kurzgeschichten herausgegeben. Zwei weitere Bände in den Jahren danach. Im März 2024 wird im elfundzehn Verlag ein Buch mit diesen und vielen anderen Geschichten erscheinen. Der «Anzeiger» druckt in loser Folge seine Kurzgeschichten ab. (red)

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