«Ich verstehe mich als Brückenbauer»

Mike Stillhard ist seit seiner Ausbildung selbstständig als Grafiker und Werber tätig

Mike Stillhard mit spanischem Hut in seinem Atelier vor einem Bild von Peter Panyoczki, Neuseeland. (Bild Marianne Voss)
Mike Stillhard mit spanischem Hut in seinem Atelier vor einem Bild von Peter Panyoczki, Neuseeland. (Bild Marianne Voss)

«Als wir 1983 hierher nach Aeugst zogen, zählte die Gemeinde 780 Einwohnende», berichtet Mike Stillhard am grossen Familientisch. «Für mich war klar, dass ich mich hier engagieren möchte.» Bei seinem ersten Einsatz ging es um einen Umweltschutztag mit Ausstellung und die Einrichtung einer Abfalltrennung. Später, als das neue Gemeindehaus entstand, war er in der Begleitkommission für das Erscheinungsbild der Gemeinde und erschuf das Logo sowie das Motto «Natürlich offen». Zudem initiierte er den Aktions- und Ausstellungsraum KommBox im Eingang des Gemeindehauses. «Für dieses Projekt setzte sich damals auch meine Frau Evelyne ein.»

Hier erwähnt er zum ersten Mal den Begriff «Brücken», der sich durch das ganze Gespräch zieht. «Bei meiner Tätigkeit verstehe ich mich als Brückenbauer», betont er. Es sei ihm bei seinem Schaffen als Grafiker und Werber immer darum gegangen, Brücken zu bauen, zwischen Menschen oder zwischen Kulturen, von Kunstschaffenden zu Betrachtenden, von einer Firma zur Kundschaft. «Um Brücken ging es mir auch bei der KommBox, die aktuell ihr 20-Jahre-Jubiläum feiern kann.»

«Die Kunden waren meine Chefs»

Mike Stillhard ist bei Zug in einem künstlerisch geprägten Elternhaus aufgewachsen. «Mein Vater war Goldschmied und freischaffender Künstler. In unserer Familie bestand eine grosse Offenheit. Es war erlaubt, genauer hinzuschauen, nachzufragen und auch anders zu denken.» Nach der Sekundarschule ging der junge Mike nach Paris, um Französisch zu lernen. «Ich lebte in einem Dominikanerkloster und übte mich nicht nur in Französisch, sondern lernte auch die Welt kennen.» Nach der Rückkehr besuchte er an der Kunstgewerbeschule den Vorkurs. «Dieser Weg war für mich klar. Wie mein Vater wollte auch ich kreativ und gestalterisch tätig sein.» Es folgten eine vierjährige Grafikerlehre und ein Jahr Anstellung in einem Atelier. «Danach machte ich mich mit einem Partner selbstständig und blieb es bis zur Pensionierung.» Er habe nie einen Chef gehabt. «Das heisst, meine Chefs waren meine Kunden, manchmal sehr einflussreiche und anspruchsvolle.» Sein Geschäft befand sich in Zürich, wo er rund zwölf Mitarbeitende beschäftigte. «Wenn wir den Auftrag für ein Grossprojekt erhielten, stellten wir temporär weitere acht Personen ein.»

Er habe sich bei seiner Arbeit auf Unternehmen spezialisiert, die einen Veränderungsprozess durchmachen und sich sichtbar neu positionieren möchten. «Zu unseren Kunden gehörten einige national und international bekannte Grossfirmen.» Besonders Freude habe ihm bei seinem Beruf die Arbeit mit jungen Menschen gemacht. «Ich unterstützte gerne Unternehmen beim Start und Lernende während der Ausbildung.» Bei seinem Schaffen seien ihm gestalterische Inhalte ebenso wichtig wie das Konzeptionelle. «Ich blieb immer bei der Praxis, suchte aber mit hohem Anspruch aussergewöhnliche Lösungen. Bis heute sind kreative Ideen meine Nahrung.»

Seit 54 Jahren verheiratet

Mit 63 Jahren zog sich Mike Stillhard aus seiner Firma mit dem Namen «Heads Corporate Branding» zurück. «Doch die Katze lässt das Mausen und das Brückenbauen nicht», meint er schmunzelnd. Da und dort übernimmt er noch kleine Projekte, wirkt am Rand bei der KommBox mit und unterstützt zum Beispiel junge Kunstschaffende. «Meine Leidenschaft ist die Gegenwartskunst», berichtet er. Auf Reisen besuche er mit seiner Frau gerne Galerien und Museen in verschiedenen Ländern, egal ob in Spanien oder Singapur. «Ich unterstütze immer wieder Kunstprojekte, wie zum Beispiel die Fabbrica Culturale von Silvio Baviera in Giornico.» Auch hier spricht er wieder von Brücken. «Ich werde zum Vermittler, indem ich einen Kunden oder eine Betrachterin mit der Kunst in Verbindung bringe.»

Auf persönliche Themen angesprochen, erzählt er stolz, dass seine Frau und er kürzlich den 54. Hochzeitstag feiern konnten. «Unglaublich schön! Wir pflegen bis heute eine tolle Partnerschaft.» Den Ausschlag zur Heirat in jungem Alter habe der Wohnungsvermieter in Zug gegeben. «Wir durften nicht als Konkubinatspaar einziehen. Also heirateten wir – zum Glück.» Zur Familie Stillhard gehören zwei Söhne und zwei Enkel, bei denen sich die künstlerische Ader fortzusetzen scheint.

In Aeugster Vereinen war Mike Stillhard nie aktiv, er setzte sich aber viele Jahre in der Planungskommission und in der Baukommission ein. Zudem ist er Mitglied der FDP-Ortspartei. Ob er sich nicht eher im linken Bereich sehe? Er lacht und meint: «Es gibt keine Partei, in der ich linientreu sein könnte. Aber – im Sinne vom Brückenbauen – kann ich hier mein liberales Gedankengut einbringen.»

Schliesslich führt er die Besucherin in sein Atelier, wo Kunst und Literatur allgegenwärtig sind. Schmunzelnd nimmt er ein steinernes Buch aus dem Regal, lässt sich auf dem Sofa nieder, setzt seinen spanischen Hut auf und ist fürs Foto bereit. Er kommentiert: «Es darf ja sicher auch lustig sein.»

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