Kunst mit Kante

Für Olga Tucek ist Kunst nicht nur ein Beruf, sondern eine Haltung – heute wichtiger denn je

«Wenn ich etwas mache, dann ganz und mit dem Herzen.» (Bild Olga Tucek)
«Wenn ich etwas mache, dann ganz und mit dem Herzen.» (Bild Olga Tucek)

«Ich bin Musikerin, Poetin, Aktivistin, Träumerin – und auch ein bisschen Spinnerin», sagt Olga Tucek, wenn sie sich Menschen vorstellt, die sie noch nie auf der Bühne erlebt haben. Für die 53-Jährige ist Kunst kein Nebenprodukt, sondern der Mittelpunkt ihres Lebens. «Ich glaube an ihre Kraft – sie ist das, was ich am besten kann», sagt sie. Diesen Weg geht sie konsequent.

Herkunft prägt Haltung

Geboren 1973 und aufgewachsen in Zürich-Leimbach, stammt Tucek aus einem kulturell geprägten Elternhaus. Die Mutter war Sängerin, der Vater Jurist und Vorsteher des Schweizerischen Sozialarchivs. Musik und Bücher gehörten zum Alltag. «Rund 2500 Bände füllten unsere kleine Wohnung, ein Fundus, der mich bis heute begleitet.»

Doch nicht nur diese kulturelle Prägung formte sie. Als Tochter tschechischer Migranten wuchs sie zwischen unterschiedlichen politischen Realitäten auf. Während sie in der Schweiz lebte, waren ihre Verwandten im damaligen Ostblock mit ganz anderen Lebensbedingungen konfrontiert. «Dieser Gegensatz schärfte mein Bewusstsein für Ungleichheit – und zieht sich bis heute durch mein künstlerisches Schaffen.»

Mehr als Unterhaltung

Auf der Bühne verbindet Tucek Musik, Humor und gesellschaftspolitische Themen. Reine Unterhaltung reicht ihr nicht. Sie will berühren, irritieren und zum Nachdenken anregen. «Gerade in der Kleinkunst sehe ich eine grosse Chance, Menschen direkt zu erreichen», sagt sie. Inhaltlich greift sie aktuelle Themen auf – von Kriegen über den Klimawandel bis hin zu gesellschaftlichen Umbrüchen. Einfache Antworten interessieren sie nicht. Stattdessen fordert sie Haltung – und Widerspruch. Kunst versteht sie als Raum, in dem Unsicherheiten ausgehalten und neue Perspektiven entwickelt werden können.

Humor spielt dabei eine wichtige Rolle. «Oft schafft er Distanz und macht schwierige Themen zugänglich», sagt sie. Gleichzeitig habe sich dieser Humor verändert: Wegen der aktuellen Weltlage bleibe ihr das Lachen bisweilen im Hals stecken.

Der Krieg verändert alles

Wie stark politische Realität wirken kann, erlebt Tucek Anfang der 1990er-Jahre während des Balkankriegs. Mit einer niederländischen Hilfsorganisation reist sie in ein Flüchtlingslager – geplant ist ein kurzer Aufenthalt. Doch sie bleibt länger.

«Ich habe erlebt, wie nah Krieg sein kann. Rund 1000 Kilometer von meinem Zuhause entfernt verloren Menschen alles», erinnert sie sich. Im Camp unterstützt sie Frauen und Kinder, organisiert Unterricht und kreative Aktivitäten.

Diese Zeit verändert ihren Blick auf die Welt nachhaltig. Sie erlebt viel Solidarität, aber auch grosse Not und Gewalt. Besonders die Begegnungen mit traumatisierten Frauen gehen ihr nahe. Sie spürt Wut – und den Wunsch, zu helfen. Gemeinsam mit anderen baut sie im Kleinen stabile Netzwerke auf.

In dieser Situation entdeckt sie die verbindende Kraft der Musik neu. Gemeinsam mit einem jungen Akkordeonisten gründet sie ein improvisiertes Orchester. Sie lernt bosnische Lieder und begleitet ihn auf der Gitarre. «Musik wird so zum gemeinsamen Raum – zum Feiern, Trauern und Durchatmen», stellt sie fest. Zurück in der Schweiz zieht sie Konsequenzen: 1995 beginnt sie ein Gesangsstudium und entscheidet sich endgültig für den künstlerischen Weg.

Zwölf Jahre im Duo

Die Ausbildung führt sie auf die Bühne – und in eine fruchtbare Zusammenarbeit. Gemeinsam mit Nicole Knuth bildet sie das Duo Knuth & Tucek. Zwölf Jahre lang stehen die beiden gemeinsam auf der Bühne und werden mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Schweizer und dem Deutschen Kleinkunstpreis sowie dem Salzburger Stier. «Uns verbindet nicht nur ein ähnlicher Humor, sondern auch eine vergleichbare biografische Prägung mit osteuropäischen Wurzeln», sagt Tucek. Diese Gemeinsamkeiten tragen die Zusammenarbeit – künstlerisch wie menschlich.

Nach dieser Zeit arbeitet Tucek eigenständig weiter. Ihre Songs entstehen intuitiv. «Der kreative Prozess ist offen, assoziativ und braucht Zeit und Ruhe.» Diese Offenheit verlangt Mut, denn wer mit eigenen Texten öffentlich Stellung bezieht, geht Risiken ein. «Gerade Frauen hinterfragen sich oft zusätzlich», beobachtet sie. Auch finanziell bleibt die Situation angespannt. «Die Unsicherheit in der Schweizer Kulturszene hat sich seit der Pandemie kaum verbessert», sagt sie. Erfolg misst Tucek deshalb nicht am Einkommen, sondern an der Wirkung: «Kunst muss Menschen erreichen, bewegen und wachhalten.»

Zwischen Zweifel und Vertrauen

Heute lebt die Musikerin in einer Drei-Personen-WG in Knonau. «Ich fühle mich wohl dort», sagt sie. Gleichzeitig arbeitet sie an einem Dokumentarfilm über die Hexenverfolgung – ein Thema, das Mechanismen von Ausgrenzung und Gewalt sichtbar macht. Nebenbei steht sie regelmässig auf der Bühne, tritt mit ihrem Liederprogramm auf und arbeitet freischaffend. Dennoch wünscht sie sich mehr Engagements im Theater.

Die finanzielle Unsicherheit bleibt – ebenso wie die Frage, welche Rolle künstliche Intelligenz künftig im kreativen Schaffen spielen wird. «Teilweise finanziell von Freundinnen unterstützt und getragen von einem soliden Urvertrauen, bleibe ich meiner Berufung treu», sagt sie.

Ihr Anspruch ist klar: «Wenn ich etwas mache, dann ganz und mit dem Herzen.» Für Olga Tucek ist Kunst kein Beruf unter vielen, sondern die konsequenteste Art, die Welt auszuhalten und zu verstehen.

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