«Ich mag keine Komfortzone»

Etienne Scholz ist neuer Trainer des FC Wettswil-Bonstetten. Im Interview spricht der 32-Jährige über seine Spielphilosophie, den gesunden Nährboden des Vereins und die Rolle von Kommunikation und Entwicklung

FCWB-Trainer Etienne Scholz will mit mutigem, initiativem Fussball und einer klaren Kommunikation frischen Wind nach Wettswil-Bonstetten bringen. (Bild Daniel Koch)
FCWB-Trainer Etienne Scholz will mit mutigem, initiativem Fussball und einer klaren Kommunikation frischen Wind nach Wettswil-Bonstetten bringen. (Bild Daniel Koch)

Herr Scholz, weshalb war aus Ihrer Sicht jetzt der richtige Zeitpunkt für einen Wechsel – und warum ausgerechnet zum FC Wettswil-Bonstetten?

Nach viereinhalb Jahren in Uster war für mich klar: Ein weiteres Jahr wäre Komfortzone, und ich mag Komfortzone nicht. Ich wollte mich sportlich wie menschlich neu fordern lassen. In Wettswil-Bonstetten treffe ich auf eine Mannschaft mit deutlich mehr Erfahrung, bis hin zu 38-jährigen Spielern – das macht das People-Management anspruchsvoller und spannender. Gleichzeitig habe ich vor dem Entscheid viele Gespräche geführt und Daten gesammelt. Niemand hat ein schlechtes Wort über den Klub verloren, weder sportlich noch menschlich. Der Verein ist familiär, gesund geführt, jeder hilft jedem. Für mich als bodenständigen Menschen war schnell klar: Das ist nicht nur ein Schritt von der Interregio in die 1. Liga, sondern ein Verein, der sehr gut zu mir passt. Entsprechend rasch ging es nach dem ersten Kontakt.

Hat Sie eher der sportliche Reiz oder die Klubkultur überzeugt?

Die Kombination. Der Schritt in die 1. Liga ist spannend, aber ich wäre nicht gekommen, wenn Kultur und Werte nicht zu mir passen würden.

Mit welchen Zielen und welcher Spielidee gehen Sie in Ihre erste Saison als Trainer in Wettswil-Bonstetten?

Ich definiere Ziele nicht primär über Tabellenplätze. Klar wissen wir, dass die Mannschaft zuletzt Vierter war und wir uns wieder einen Platz in den Top fünf zutrauen dürfen, wenn die Entwicklung stimmt. Entscheidend ist für mich aber, wie schnell und gut wir unsere Ideen auf dem Platz sehen – sportlich, taktisch und im Verhalten miteinander. Ich habe vor Arbeitsbeginn Spiele per Video analysiert und setze seit einigen Wochen Schritt für Schritt meine Vorstellungen um. Wir wollen Initiative ergreifen, mit und ohne Ball: nach vorne verteidigen, das Spiel kontrollieren, möglichst in der gegnerischen Hälfte spielen. Jede Position hat klare Aufgaben, auch wenn der Ball weit weg ist. Mir ist wichtig, dass man sieht: Diese Mannschaft will den Ball, spielt mutig, ist lauffreudig und präsent. Und ich erwarte von jedem Spieler Energie und eine positive Haltung. Fehler gehören zum Fussball, entscheidend ist unser Umgang damit.

Was werden die Zuschauer am deutlichsten merken: Resultate oder veränderte Spielweise?

Zuerst die Spielweise. Wir wollen mutiger auftreten. Wenn diese Art Fussball trägt, kommen die Resultate nach.

Wie beurteilen Sie das vorhandene Kader, den Umgang mit Abgängen und Zugängen – und was sagt das über die Philosophie des Vereins aus?

Die Substanz der Mannschaft ist gut, das Potenzial klar vorhanden. Wir haben einige Spieler verloren, die nun eine Liga höher spielen und zuletzt viele Tore geschossen haben – das ist normal in der «Nahrungskette» des Fussballs. Gleichzeitig haben wir gezielt Spieler dazugeholt, von denen wir uns neue Impulse erwarten. Bemerkenswert finde ich: Rund 90 Prozent des Kaders haben ihren Vertrag verlängert, bevor feststand, wer Trainer wird. Das zeigt, wie stark sich der Klub über den Verein und nicht über Personenkult definiert. Wir wollen kein kurzfristiges Projekt sein, das von einem Investor abhängt, sondern nachhaltig arbeiten. Deshalb achten wir bei Neuzugängen sehr darauf, welche Menschen in die Garderobe kommen, nicht nur, welche Fussballer. Wenn wir Zweifel haben, warten wir lieber und entscheiden bewusst, statt aus Aktionismus vier Spieler einzuladen. Das entspricht einem gesund geführten Verein mit langfristiger Denkweise.

Gibt es trotzdem Positionen, auf denen Sie noch Handlungsbedarf sehen?

Wir analysieren das laufend, wollen aber zuerst interne Lösungen prüfen, bevor wir extern werden.

Wie wollen Sie die Schnittstelle zwischen erster Mannschaft, zweiter Mannschaft und Junioren gestalten?

Mir ist wichtig, dass die Teams nicht isoliert arbeiten, sondern eng miteinander verbunden sind. Wir haben den Torhütertrainer Jelle und Assistenztrainer Marco Bertozzi übernommen – mit beiden stimmt es menschlich und fachlich. Dazu kommt A-Junioren-Trainer Michele Fiore als zweiter Assistenztrainer und Bindeglied zur Nachwuchsabteilung. In der Vorbereitung haben wir wegen Ferien und Abwesenheiten mehrere Junioren eingesetzt; einer davon ist inzwischen fix im Kader der ersten Mannschaft. Grundsätzlich möchten wir intern denken: Spieler, die oben Rhythmus brauchen, sollen bei den Junioren Spielzeit erhalten, und junge Spieler, die sich aufdrängen, sollen eine Chance im Fanionteam bekommen. Unsere Junioren spielen mehrheitlich in der Youth League, das ist ein gutes Niveau. Am Ende entscheidet aber immer die Leistung, nicht das Geburtsjahr.

Heisst das auch, dass Junioren relativ schnell eine Chance im Fanionteam erhalten können?

Ja, wenn sie bereit sind und unsere Werte leben. Dann sollen sie nicht warten, nur weil sie jung sind.

Sie sprechen viel über Kommunikation und Werte. Wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben – und was machen Sie bewusst anders, als Sie es teilweise selbst erlebt haben?

Ich habe sehr unterschiedliche Trainer erlebt: kommunikative, weniger kommunikative, solche, bei denen man Entscheide kaum nachvollziehen konnte. Als Spieler neigt man dazu, den Trainer gut zu finden, wenn man spielt, und schlecht, wenn man draussen sitzt. Ich habe früh versucht, mich in die Rolle des Trainers zu versetzen. Als ich selbst angefangen habe, hatte ich noch keine fertige eigene Philosophie, aber ein klares Ziel: besser kommunizieren. Ich will Entscheidungen erklären, auch wenn sie wehtun. Spieler müssen nicht jubeln, wenn sie nicht spielen, aber sie sollen verstehen, warum. Für mich steht immer der Mensch im Vordergrund, nicht Nummern auf einer Liste. Ich übernehme die Verantwortung, wenn wir verlieren, und gebe den Spielern das Lob, wenn wir gewinnen. Auf dem Platz entscheiden sie – ich habe keinen Joystick in der Hand. Deshalb arbeite ich mit Prinzipien statt starren Automatismen und möchte, dass die Spieler die Idee dahinter so verinnerlichen, dass sie aus Überzeugung folgen.

Sind Sie im Alltag eher der laute oder der leise Trainer?

Ich bin präsent und klar, aber nicht laut, um des Lautseins willen. Es geht mir um Inhalte, nicht um Show.

Sie sind erst 32, haben aber viel erlebt – als Spieler wie als Trainer. Ist Ihr Alter eher Vorteil oder Herausforderung, und was nehmen Sie aus Ihrer Karriere mit?

Für mich ist das Alter ein Vorteil. Entscheidend ist die Anzahl Trainerjahre, nicht das Geburtsjahr. Ich bin seit fünfeinhalb Jahren Trainer und habe in dieser Zeit viele erfolgreiche, aber auch schwierige Phasen erlebt. Gleichzeitig liegt meine Spielerkarriere nicht weit zurück, ich bin nah an der aktuellen Generation. Man kann junge Spieler heute nicht mehr führen wie vor 20 Jahren. Mir ist wichtig, dass sie mir über Fachkompetenz folgen und sich ernst genommen fühlen. Mein Führungsstil ist eher einladend: Ich erkläre viel, höre zu und versuche, gemeinsam Lösungen zu finden. Das hat mir bisher einen guten Draht zu meinen Teams verschafft.

Hilft Ihnen diese Nähe zur Generation auch in schwierigen Phasen?

Ja. Sie erleichtert ehrliche Gespräche und Vertrauen – gerade dann, wenn es nicht läuft.

Welche Stationen und Trainer haben Sie in Ihrer Laufbahn besonders geprägt – und wie haben sie Ihr heutiges Arbeiten beeinflusst?

Ich durfte bei Klubs wie Bayern München, Basel, St. Gallen und Winterthur Erfahrungen sammeln. Besonders prägend war die Zeit unter Pep Guardiola in München, wo ich regelmässig mittrainieren konnte. Von ihm habe ich viel über Detailarbeit, Kontrolle des Spiels und klare Prinzipien gelernt. Erik ten Hag war damals ebenfalls bei Bayern und hat mich dorthin geholt, auch von ihm habe ich profitiert. In der Schweiz haben Trainer wie Marco Otero, heute Ausbildungschef bei Espanyol Barcelona, und Peter Knäbel, der mich nach Basel holte, Spuren hinterlassen. Durch diese Stationen habe ich viel Know-how sammeln dürfen und wusste früh, dass ich nach der Spielerkarriere Trainer werden möchte, um dieses Wissen weiterzugeben.

Was haben Sie von Guardiola und Co. am stärksten übernommen?

Die Liebe zum Detail und die Idee, ein Spiel aktiv zu steuern, statt nur darauf zu reagieren.

Was nehmen Sie aus den viereinhalb Jahren beim FC Uster mit – und welche Rolle spielt Ihre private Fussballschule für Ihre Arbeit als Trainer?

Uster hat mir mit 28 die Chance gegeben, ohne aktive Trainererfahrung eine 2.-Liga-Mannschaft mit Aufstiegsziel zu übernehmen. Dafür bin ich sehr dankbar. Ich habe einen bodenständigen Verein erlebt, der mir vertraut und mich arbeiten lässt – mit einer sehr jungen Mannschaft, ohne Budget und ohne Löhne. Es ging um Entwicklung und darum, Spielern den nächsten Schritt zu ermöglichen. Das prägt meinen Blick auf den Amateurfussball: Vereine wie Uster oder Wettswil-Bonstetten sind Teil einer Kette, überdurchschnittlich gute Spieler werden weiterziehen, und das ist in Ordnung. Meine Fussballschule ist mein Haupterwerb und vergrössert meinen Erfahrungsschatz enorm. Ich gebe deutlich mehr Trainings als ein typischer Amateurtrainer, was überspitzt gesagt so etwas wie «zusätzliche Trainerjahre» bedeutet. Früher waren es viele Aktivspieler, heute eher jüngere Talente, unterstützt von zwei, drei Trainern, die einzelne Einheiten übernehmen. Fussball ist mein Beruf und meine Leidenschaft – ich habe nie ernsthaft über eine Alternative nachgedacht.

Wie stark beeinflusst die Fussballschule Ihre tägliche Arbeit mit der Mannschaft?

Sie schärft meinen Blick für individuelle Entwicklung. Ich erkenne schnell, wo ein Spieler steht und was er braucht.

Wie wichtig sind für Sie Disziplin, klare Regeln und Gruppendynamik – und wie setzen Sie diese Punkte im Alltag um?

Ich verstehe mich nicht als «Polizist», aber Disziplin und Respekt sind zentral. Pünktlichkeit ist ein gutes Beispiel: Wer fünf Minuten zu spät kommt, verzögert nicht nur sein eigenes Training, sondern beeinträchtigt Übungen, die auf eine bestimmte Anzahl Spieler ausgelegt sind – und sendet ein schlechtes Signal an den Rest. Wir sind in der Schweiz, Pünktlichkeit gehört zur Kultur, und das erwarte ich auch hier. Gleichzeitig ist die Stimmung in der Gruppe extrem wichtig. Es gibt Spieler, die sportlich Schlüsselrollen übernehmen, und andere, die vor allem in der Garderobe prägend sind – durch Leidenschaft und Präsenz, auch wenn sie verletzt sind. Ich möchte, dass wir uns über Philosophie und Gruppendynamik definieren und so Rollen auffangen können, wenn jemand ausfällt. Qualitätsunterschiede wird es immer geben, aber die Basis muss eine starke, respektvolle Gruppe sein.

Wie reagieren Sie, wenn jemand gegen Regeln verstösst?

Direkt und klar, ohne grosses Drama. Ich spreche es an, erkläre die Wirkung auf die Gruppe – und erwarte, dass es nicht zur Gewohnheit wird.

Was möchten Sie den Fans zum Start Ihrer Amtszeit auf den Weg geben?

Ich wünsche mir, dass die Fans unseren Weg und unsere Idee vom Fussball mittragen. Wir werden Dinge verändern: unsere Spielweise, gewisse Abläufe, unsere Zusammenarbeit. Das braucht Zeit, und es wird am Anfang nicht alles perfekt sein. Wichtig ist mir, dass man erkennt, wofür wir stehen: für eine Mannschaft, die mutig ist, den Ball will, Initiative ergreift und bereit ist, hart zu arbeiten. Wenn die Zuschauer sehen, dass die Spieler Energie, Leidenschaft und Verantwortung zeigen, hoffe ich, dass sie uns gerade dann unterstützen – auch in Phasen mit weniger konstanten Resultaten. Fussball ist ein Gemeinschaftsprojekt von Spielern, Staff, Verein und Fans. Wenn wir es schaffen, die Menschen mit unserer Art, Fussball zu spielen, zu begeistern, sind wir auf einem guten Weg, unabhängig davon, ob wir gleich zu Beginn unser Höchstniveau erreichen.

Was dürfen die Fans im Gegenzug von Ihnen erwarten?

Dass ich mit voller Überzeugung arbeite, offen kommuniziere und alles daransetze, dass diese Mannschaft für etwas steht – nicht nur für Resultate, sondern für eine klare Haltung.

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