«Unsere Ziele bleiben bestehen – und wir haben noch zwei Jahre Zeit»
Seit einem Jahr steht Fredy Bickel an der Spitze des FC Affoltern. Im Gespräch spricht er über sportliche Ziele, Nachwuchsförderung und die Herausforderungen im Amateurfussball

Wie zufrieden sind Sie mit der sportlichen Entwicklung des FC Affoltern, wenn Sie auf Ihr erstes Jahr als Präsident zurückblicken?
Wir haben uns klare Ziele gesetzt: Mit unseren drei wichtigsten Herrenmannschaften wollen wir innerhalb von drei Jahren jeweils eine Liga aufsteigen. Uns war aber bewusst, dass dieser Zeitraum ambitioniert ist. Trotzdem startet man natürlich mit der Hoffnung in eine erste Saison, bereits einen Schritt in diese Richtung machen zu können.
Was fehlt aktuell noch?
Die Realität zeigt, dass wir noch nicht so weit sind. Da müssen wir realistisch bleiben. Aber wir haben auch Fortschritte gemacht, die uns freuen. Bei der ersten Mannschaft war nach der Vorrunde relativ früh klar, dass wir uns Ende Saison höchstens auf einem Mittelfeldplatz sehen werden. Das darf uns aber nicht verrückt machen. Unsere Ziele bleiben bestehen – und wir haben noch zwei Jahre Zeit.
Einfach Spieler einzukaufen, ist für euch also keine Option? Ihr setzt lieber auf den eigenen Nachwuchs?
Es ist heute durchaus eine Zeiterscheinung, viel Geld in Mannschaften zu investieren. Das gehört zum modernen Fussball dazu, und ich möchte das auch gar nicht bewerten. Für uns als Verein steht aber die Ausbildung im Vordergrund. Wir wollen unseren Spielern eine gute fussballerische Entwicklung ermöglichen und sie schrittweise an den Aktivfussball heranführen. Und wenn ein Spieler später den Sprung in die Zweitliga, Erstliga oder sogar Promotion League schafft, dann freut uns das. Solche Spieler um jeden Preis halten zu wollen, wäre der falsche Weg. Im Winter haben wir mit drei jungen Spielern gesprochen, bei denen wir das Potenzial für die erste Mannschaft gesehen haben. Sie sagten uns jedoch, dass sie nach der Juniorenzeit lieber etwas kürzertreten möchten, um mehr Zeit mit Kollegen verbringen zu können. Das zeigt: Wenn man langfristig mit eigenen Nachwuchsspielern arbeiten will, muss man sie früh motivieren und begleiten, damit sie dranbleiben.
Es gibt also ein kritisches Alter?
Ja, damit werden wir immer häufiger konfrontiert. Trotzdem werde ich mich weiterhin dagegenstellen, einfach eine Mannschaft zusammenzukaufen. Im Vorstand sind wir uns aber einig, dass man für einen echten Schlüsselspieler auch einmal etwas Geld investieren darf – jemanden, der Stabilität und Erfahrung in die Mannschaft bringt.
Also eine Leaderfigur, die die jungen Spieler mitzieht?
Genau. Solche Spieler sind enorm wichtig – sowohl für den sportlichen Erfolg als auch für die Entwicklung der jungen Spieler. Es hilft unglaublich, wenn man auf dem Platz jemanden neben sich hat, der Orientierung gibt. Im Idealfall verfügt jede Mannschaftsachse über eine solche Persönlichkeit. Als Verein haben wir zudem auch eine soziale Aufgabe. Die Spieler sollen ihr Hobby mit Freude und Begeisterung ausüben können. Und wenn jemand besonders talentiert ist, unterstützen wir ihn auf seinem weiteren Weg.
Deshalb sollen auch alle Mannschaften gefördert werden und nicht nur das Fanionteam?
Ja, wobei man dabei einen gesunden Mittelweg finden muss. Auch im Amateurfussball merkt man, dass manche Funktionäre sehr ambitioniert sind und am liebsten überall die stärkste Mannschaft stellen würden. Aber das allein darf nicht das Ziel sein. Natürlich sollen die besten Spieler in der ersten Mannschaft spielen – unabhängig vom Alter. Gleichzeitig kann es sinnvoll sein, junge Talente frühzeitig eine Stufe höher spielen zu lassen, damit sie sich schrittweise an den Aktivfussball gewöhnen können – sowohl körperlich als auch mental. Das führt allerdings manchmal zu Spannungen, weil natürlich auch die Junioren- oder Nachwuchsteams mit diesen Spielern erfolgreich sein möchten.
Wie läuft die Arbeit im Vorstand? Hat sich das Team inzwischen gefunden? Vor einem Jahr sagten Sie noch, dass nicht alle am gleichen Strick ziehen.
Das ist ähnlich wie bei den sportlichen Zielen. Ich bin damals mit viel Euphorie gestartet und dachte, gewisse Dinge würden schneller funktionieren. Aber auch hier braucht es Zeit und Arbeit. Grundsätzlich spüre ich aber, dass alle motiviert sind und gemeinsam an unseren Zielen arbeiten wollen. Auch bei den Sponsoren und im Umfeld des Vereins sind wir auf einem guten Weg. Und dass an der Generalversammlung 93 Mitglieder anwesend waren, zeigt deutlich: Der Verein lebt, ist wach und die Menschen ziehen gemeinsam mit.
Eigentlich könnte man mit Blick auf den Breitensport auch sagen, dass sportlicher Erfolg nicht über allem stehen muss – und man bewusst gar nicht aufsteigen will.
Dann wäre ich vermutlich die falsche Person für dieses Amt. Ich habe Sport immer mit Ambitionen verbunden. Das war schon immer Teil meiner Einstellung. Das Schönste im Spitzenfussball war für mich, wenn ich einen jungen Spieler begleiten durfte und ihn später am Abend in einem Champions-League-Spiel im Fernsehen sah – und mir sagen konnte: «Bei dem Spieler haben wir vieles richtig gemacht.» Solche Ziele und Entwicklungen sollte man anstreben. Trotzdem muss daneben auch das Vereinsleben seinen Platz haben.
Es darf also nicht alles der ersten Mannschaft untergeordnet werden? Dann reist das Fanionteam vielleicht ins Trainingslager nach Dubai, während andere Abteilungen finanziell kaum unterstützt werden.
Natürlich gibt es in jedem Verein Leute, die sich das wünschen würden. Für uns ist aber klar: Das darf kein Thema sein, wir wollen den ganzen Verein schrittweise vorwärtsbringen. Auch der Nachwuchs muss profitieren. Bei der ersten Mannschaft möchten wir gezielt dort investieren, wo wir wirklich Verbesserungspotenzial sehen – beispielsweise im medizinischen Bereich.
Was verstehen Sie konkret unter medizinischer Betreuung?
Zum Beispiel die Zusammenarbeit mit einem ausgebildeten Masseur oder einem Fachmann im Bereich Prävention. Es geht darum, Verletzungen vorzubeugen und die Spieler besser zu begleiten. Wir haben zwei oder drei junge Spieler, bei denen wir eigentlich das Gefühl hatten, dass sie bereit für den Aktivfussball wären. Nun kämpfen sie aber mit körperlichen Problemen. Mit einer Fachperson – das müsste nicht einmal ein Arzt sein –, die frühzeitig auf Belastungen und Risiken hinweist, könnte man bereits viel erreichen. Das halte ich für enorm wichtig und eigentlich auch notwendig. Das sind wir unseren Spielern schuldig.
Wie sehr hilft Ihnen Ihr Hintergrund aus dem Spitzensport in Ihrer heutigen Aufgabe? Lässt sich das überhaupt auf Amateurfussball übertragen?
Ich weiss schon, dass sich selbstredend vieles nicht einfach eins zu eins übertragen lässt. Auf dieser Ebene funktionieren gewisse Dinge anders. Manchmal brauchte ich auch die Kollegen aus dem Vorstand, die mir sagten: «So kannst du das hier nicht machen.» Trotzdem gibt es Erfahrungen aus dem Spitzenfussball, die unabhängig von der Liga wertvoll sind. Das Thema Disziplin ist ein gutes Beispiel. In der Super League gab es klare Verhaltensregeln – und gewisse Grundprinzipien gelten eben überall. Auch das Thema Transparenz ist mir wichtig. Ich habe mich immer dafür eingesetzt, dass beispielsweise Prämienregelungen intern offen kommuniziert werden. Zudem habe ich Mitarbeitende bewusst an Erfolgsprämien beteiligt. Das verhindert Spekulationen und Gerüchte und schafft Vertrauen. Damit habe ich sehr gute Erfahrungen gemacht. Beim FCA wird nicht das Geld die Hauptrolle spielen. Aber Disziplin, Transparenz und Offenheit gehören in jede Liga, das darf auch in einem Amateurverein erwartet werden.
Aus aktuellem Anlass: Wie ist es möglich, dass ein Aufsteiger wie der FC Thun plötzlich Meister wird?
So etwas kommt nur sehr selten vor. In kleineren Ligen wie in der Schweiz oder Österreich kann es aber durchaus passieren. Entscheidend ist, dass eine Mannschaft einen enormen Zusammenhalt entwickelt, ein gemeinsames Ziel verfolgt und über längere Zeit Selbstvertrauen aufbauen kann. Ebenso wichtig ist ein Umfeld, in dem sich jeder Spieler wertgeschätzt fühlt und seine Rolle innerhalb des Teams kennt. Allerdings reicht das alleine nicht. Damit ein solcher Überraschungserfolg möglich wird, müssen gleichzeitig auch die etablierten Top-Teams schwächeln. Grundsätzlich müsste der Meistertitel in der Schweiz eigentlich immer über Basel oder YB führen. Doch beide Mannschaften haben in dieser Saison nicht ihre gewohnte Konstanz gezeigt. Dann hätten eigentlich Teams wie St. Gallen oder Lugano bereit sein müssen, diese Situation auszunutzen – aber genau das ist nicht passiert. So bekam Thun plötzlich das Gefühl, dass man in dieser Super League nicht nur mithalten, sondern vielleicht sogar mehr erreichen kann. Mit jedem Punktverlust der vermeintlich grossen Mannschaften wuchs das Selbstvertrauen weiter. Und wenn ein Team einmal in einen solchen Lauf kommt, dann werden aussergewöhnliche Dinge möglich. Deshalb hat sich Thun diesen Erfolg auch verdient. Die Mannschaft hat immer an sich geglaubt und war bereit, zuzuschlagen, sobald andere Fehler gemacht haben. Genau das zeichnet erfolgreiche Teams aus. Thun ist ein grosses Vorbild dafür, was man gemeinsam mit einem Team erreichen kann, auch wenn man nicht über die besten Einzelspieler verfügt.
Aber nun werden neben Trainer Mauro Lustrinelli, der in die Bundesliga zu Union Berlin wechselt, wohl auch einige Spieler Begehrlichkeiten wecken. Nächste Saison könnte deshalb schon wieder alles anders aussehen, oder?
Das glaube ich nicht unbedingt. Es ist für Schweizer Spieler etwas Besonderes, eine Champions-League-Qualifikation oder internationale Spiele erleben zu dürfen. Möglicherweise können sie in der kommenden Saison europäisch oder auf einer noch grösseren Bühne spielen. Das lässt man sich nicht so einfach entgehen. Natürlich werden jetzt einige Spieler interessant für andere Vereine. Aber man darf nicht vergessen: Nicht jeder steht plötzlich unmittelbar vor dem Wechsel zu einer europäischen Spitzenmannschaft. Deshalb überlegen sich viele schon gut, ob sie dieses Abenteuer mit Thun nicht noch ein weiteres Jahr mitnehmen wollen. Ich habe selbst erlebt, wie prägend internationale Spiele sein können. Genau deshalb glaube ich, dass ein grösserer Umbruch eher erst ein Jahr später stattfinden könnte. Zudem: Wirklich in den Fokus geraten Spieler oft erst dann, wenn sie sich international zeigen können. Im Europacup sitzen plötzlich Scouts und Verantwortliche von 20 verschiedenen Vereinen auf der Tribüne – und dort entsteht dann die ganz grosse Aufmerksamkeit.
Kennen Sie Mauro Lustrinelli persönlich?
Ja, ich kenne ihn gut. Er ist wirklich ein sympathischer Zeitgenosse. Wir hatten immer ein sehr gutes Verhältnis. Er ist ehrgeizig, gleichzeitig aber auch sehr bodenständig geblieben. Es hat mich übrigens auch gefreut, dass Stephan Lichtsteiner damals vom FC Wettswil-Bonstetten zum FC Basel gewechselt ist. Gleichzeitig hätte ich ihm persönlich wohl eher davon abgeraten. Er hatte sich bei Wettswil-Bonstetten einen sehr guten Namen aufgebaut. Und beim FC Basel ist die Gefahr aktuell enorm gross, zu scheitern – gerade mit allem, was im Umfeld zuletzt passiert ist. So ein Misserfolg kann einen Trainer in seiner Entwicklung weit zurückwerfen, sodass man praktisch wieder bei null anfangen muss. Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite verstehe ich natürlich auch, dass man eine solche Chance kaum ablehnen kann. Wenn ein Klub wie Basel anfragt, sagt man nicht einfach Nein.


