Weltmeister auf Rädern – die Schweiz schreibt Powerchair-Hockey-Geschichte

Die Schweiz besiegt in einem spannenden WM-Final die Niederlande mit 5:3 – mit Beteiligung aus dem Säuliamt

Das Schweizer Powerchair-Team ist glücklich – die Schweiz ist Weltmeister! (Bild Tamara Reichle)

Das Schweizer Powerchair-Team ist glücklich – die Schweiz ist Weltmeister! (Bild Tamara Reichle)

Erschöpft, aber glücklich nach der langen Rückfahrt - Andri Steiner, Khaleq Hassani und Ines Herzog. (Bild zvg)

Erschöpft, aber glücklich nach der langen Rückfahrt - Andri Steiner, Khaleq Hassani und Ines Herzog. (Bild zvg)

Khaleq Hassani bejubelt ein Tor.

Khaleq Hassani bejubelt ein Tor.

Während die Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft im WM-Final gegen Finnland Silber gewann, schrieb ein anderes Schweizer Sportteam in Finnland Geschichte: Das Powerchair-Hockey-Nationalteam holte erstmals den Weltmeistertitel.

Nach vielen Jahren harter Arbeit, unzähligen Trainingsstunden und mehreren knapp verpassten Medaillenträumen steht die Schweiz jetzt an der Spitze der Weltrangliste. Die Weltmeisterschaft fand vom 26. bis 31. Mai im «Pajulahti Sports Institute» bei Lahti statt. Zehn Nationen kämpften dort um den Titel des besten Powerchair-Hockey-Teams der Welt. Die Schweiz reiste als Weltranglisten-Dritte an und kehrte als Weltmeister zurück.

Wenn der Rollstuhl das Sportgerät ist

Powerchair Hockey wird von Menschen gespielt, die, meistens aufgrund schwerer Muskelerkrankungen, auf einen Elektrorollstuhl angewiesen sind. Frauen und Männer spielen gemeinsam, auch altersmässig sind die Teams gemischt. Je nach körperlichen Voraussetzungen spielen die Athletinnen und Athleten in Teams mit einem klassischen Schläger oder mit einem sogenannten T-Stick, der direkt am Rollstuhl befestigt ist. Diese Mischung macht den Sport einzigartig: Menschen mit unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen können gemeinsam auf höchstem Niveau spielen.

Damit es fair zugeht, werden die Spielerinnen und Spieler nach einem Punktesystem klassifiziert, das ihre körperlichen Beeinträchtigungen berücksichtigt. Je nach körperlicher Leistungsfähigkeit werden zwischen 0,5 und 4,5 Punkte vergeben. Insgesamt dürfen auf dem Feld nur Spielerinnen und Spieler mit insgesamt 11 Punkten eingesetzt sein. Die Kombination der Spieler mit den verschiedenen Klassifizierungen eröffnet dann auch zahlreiche strategische Möglichkeiten. Gespielt wird auf einem Hallenfeld mit vier Feldspielern und einem Goalie pro Team, jede Halbzeit dauert 20 Minuten.

Powerchair Hockey in der Schweiz

Powerchair Hockey ist eine anerkannte Sportart unter dem Dach der Schweizer Paraplegiker-Vereinigung, Rollstuhlsport Schweiz. Seit 2013 gibt es Ligabetrieb, der Schweizer Meister wird nur in der Nationalliga A ausgespielt. Die Teams messen sich an mehreren Spielwochenenden in der ganzen Schweiz. Der Tabellenführer am Saisonende wird Schweizer Meister. Eine Nationalmannschaft besteht seit 2008.

Heute spielen rund 120 aktive Athletinnen und Athleten in zwölf Teams und verschiedenen Ligen. Das Team der Nationalmannschaft setzt sich aus Spielerinnen und Spielern der «Iron Cats» aus Zürich, der «Zeka Rollers» aus Baden, den «Rolling Thunder» aus Bern und den «Red Eagle» aus Basel zusammen.

Menschen hinter dem Erfolg

Khaleq Hassani und Ines Herzog sind gerade erst aus Finnland zurückgekehrt. Im Gespräch spürt man, dass beide noch ganz erfüllt sind von den Eindrücken dieser Weltmeisterschaft und vom fulminanten Sieg ihres Teams. Und es zeigt sich schnell, dass Powerchair Hockey in beider Leben einen riesigen Stellenwert einnimmt.

Khaleq Hassani ist vor acht Jahren als unbegleiteter Minderjähriger aus Afghanistan in die Schweiz geflüchtet und verbrachte die ersten anderthalb Jahre in Affoltern im Asyljugendheim Lilienberg. Zu diesem Zeitpunkt konnte er noch laufen, allerdings «in Schräglage». Hassani leidet unter einer sehr seltenen, ererbten Muskelerkrankung, der Gliedergürtelmuskeldystrophie. Nach einer Operation vor drei Jahren ist er vollständig auf den Rollstuhl angewiesen und lebt heute im Wohnheim der Mathilde-Escher-Stiftung in Zürich.

Zum Powerchair Hockey kam er 2023 in einem seiner dunkleren Momente: «Es ist schwierig, wenn man merkt, dass man immer mehr die Kraft verliert», erzählt er. Der Zugang zum Powerchair Hockey hat seine Welt gekehrt. Statt Isolation und Rückzug kamen Bewegung, Integration in ein Team, Zugehörigkeit in sein Leben. Wie beschreibt er Powerchair Hockey in einem Satz? «Teamarbeit, Spass und sehr viel Taktikverständnis», sagt Hassani und strahlt.

Ganz ähnlich klingt es, wenn Ines Herzog Powerchair Hockey beschreibt: «Ein faszinierender, dynamischer, koordinativ sehr anspruchsvoller Sport.» Sie steht am Spielfeldrand, wenn die Nationalmannschaft spielt. Aber damit das Team spielen kann, braucht es den Einsatz von Assistenzpersonen wie Ines Herzog.

Hauptberuflich ist Ines Herzog in der Geschäftsleitung der Albin Herzog AG in Ottenbach. Neben ihrer Rolle als Marketing- und Personalleiterin in der elterlichen Firma, ist sie aber bereits seit Ende 2017 Assistentin bei Dave Inhelder und Raphael Bachmann, die ebenfalls im Nationalkader sind. Über diese Tätigkeit ist sie bereits vor Jahren mit Powerchair Hockey in Berührung gekommen. Zur Weltmeisterschaft ist sie mit ihrem Partner Andri Steiner, der auch als Mechaniker für ein reibungsloses Funktionieren der Rollstühle verantwortlich ist, mit einem Bus die mehr als 2500 Kilometer nach Finnland gefahren und hat Material wie T-Sticks, Ersatzräder und Ersatzmotoren, Stöcke und Bälle transportiert.

Der lange Weg an die Spitze

Die Schweizer Nationalmannschaft erreichte bei Welt- und Europameisterschaften regelmässig Achtungsresultate, doch ein eigentlicher Durchbruch gelang 2022 mit der Bronzemedaille an der Heim-Weltmeisterschaft in Sursee. Vor der diesjährigen WM war die Schweiz Weltranglisten-Dritte und gehörte damit bereits zu den Favoriten auf den Titel.

Der Finalgegner, die Niederlande, ist eine konstant sehr starke Mannschaft und verfügt gemäss Punktesystem über körperlich stärkere Spielerinnen und Spieler. Daher musste die Schweiz mit Strategie und Taktik punkten, um eine Chance zu haben. Verantwortlich für die Spielzüge sind der Head-Trainer Rico Romano und der Assistenztrainer Vasco Caprez. Und es hat geklappt: «Ich habe immer gewusst, dass das Potenzial da ist, und diesmal habe ich gespürt, dass wir das schaffen», sagt Ines Herzog. «Das Team hat das Niveau so krass gehalten! Jeder Einzelne hat Vollgas gegeben.» Erster Gedanke nach dem Sieg: «Unfassbar! So verdient!» Auch Khaleq Hassani, der mit 3,5 Punkten klassifiziert ist und in der Offensive glänzte, war überwältigt: «Ich konnte nicht glauben, dass wir gewonnen haben.» Und seine übergrosse Freude über die vielen Fans, die dem Team in Finnland zugejubelt haben, und über den Fan-Empfang am Montag am Flughafen ist spürbar. Seine Eltern in Afghanistan haben per Liveschaltung dem Match beigewohnt: «Sie sind sehr stolz auf mich!», erzählt er berührt.

Meilenstein für Schweizer Sport

Der Weltmeistertitel von Finnland wird als Meilenstein in die Geschichte des Schweizer Behindertensports eingehen. Für Khaleq Hassani und seine Teamkollegen bleibt vor allem ein Bild unvergesslich: die Goldmedaille um den Hals, die Schweizer Fahne in den Händen und das Wissen, gemeinsam etwas erreicht zu haben, das zuvor keiner Schweizer Powerchair-Hockey-Mannschaft gelungen war. Die Schweiz ist Weltmeister!

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